Wir sind Gefangene in unserem Körper. Von der Wiege bis zur Bahre. Meist nehmen wir dies gar nicht wahr. Die Dramatik unseres Eingeschlossenseins blitzt nur selten auf, beispielsweise wenn wir krank und bewegungslos sind.

Rebecca Horn hat diesen Zustand als junge Frau erfahren. Giftige Dämpfe aus Polyesterharz verätzten die Lunge der 23-jährigen Kunststudentin. Über ein Jahr verbrachte sie darauf im Sanatorium. Danach begann sie ihren Körper zum Medium ihrer Kunst zu machen. Sie erfand in Performances, Videos und Zeichnungen Erweiterungen desselben: meterlange Finger, bodenlange Arme oder überdimensionale Flügel. «Es war der Traum vom Fliegen», sagt Rebecca Horn zu dieser Phase ihres Schaffens.

1972 war sie mit 28 Jahren die jüngste Künstlerin, die je an die Documenta in Kassel geladen war. Seither hat die Pionierin ein viel beachtetes und vielschichtiges Werk entwickelt. Jahrelang zwischen Berlin und New York pendelnd, später als Dozentin in Deutschland arbeitend, inspirierte und ermutigte sie mit ihren Werken zahlreiche Künstlerinnen. Neben vielen anderen Preisen wurde sie 2010 mit dem Premium Imperiale für Skulptur ausgezeichnet. 2015, mit 71 Jahren, erlitt die Künstlerin einen Schlaganfall und sitzt seitdem im Rollstuhl.

Das Museum Tinguely und das Centre Pompidou-Metz widmen Rebecca Horn nun zeitgleich zwei Ausstellungen. In Basel beleuchtet die Kuratorin Sandra Beate Reinmann unter dem Titel «Körperphantasien» die Entwicklung von den frühen performativen Arbeiten hin zu kinetischen Werken späterer Jahre. Die Ausstellung in Metz stellt unter dem Titel «Theater der Metamorphosen» das filmische Schaffen der Künstlerin ins Zentrum (siehe Kasten unten).

Poetisch und aggressiv zugleich

49 Werke aus fünf Jahrzehnten präsentiert die Schau in Basel. Sie zeigt Rebecca Horn als Pionierin der Performance- und Videokunst und als Seelenverwandte von Jean Tinguely. Die Ausstellung ist nicht chronologisch angelegt, sondern zeigt thematische Verbindungen zwischen den weit auseinanderliegenden Schaffensphasen. Und sie legt die Inspirationsquellen der Künstlerin frei. Da ist einerseits Marcel Duchamp zu nennen, aber vor allem auch Literaten, wie der Surrealist Raymond Roussel, der Theatertheoretiker Antonin Artaud und der Poet der Outlaws, Jean Genet.

Zum Prolog empfängt die Installation «Messkasten» aus dem Jahr 1970. Mit dem an ein mittelalterliches Folterinstrument erinnernden Gestell misst die Künstlerin die Kontur ihres Körpers aus. Schon in dieser frühen Arbeit entfalten die beiden Pole von Horns Werk ihr Potenzial: poetische Leichtigkeit einerseits, irritierende Aggression andererseits.

Mit dem «Weissen Körperfächer», der «Paradieswitwe» oder dem «Handschuhfinger» sind diejenigen Arbeiten zu sehen, in welchen die Künstlerin ihren Körper auf poetisch-absurde Weise erweitert. Die radikalste Arbeit aus dieser Werkgruppe ist die «Bleistiftmaske» aus dem Jahr 1973. Ein Helm aus Lederriemen, bespickt mit Bleistiften: Die Künstlerin demonstriert hier das Zeichnen als körperlichen, schmerzvollen Akt. Später delegiert sie Pinsel, Bleistift oder Spritzpistole an Maschinen, die, ähnlich wie diejenigen Tinguelys, zuckend und ratternd Kunst produzieren.

Diese Peinture Automatique erweitert Rebecca Horn in den Neunzigerjahren mit ihrer Version der surrealistischen Technik des automatischen Schreibens. In «La Lune Rebelle» hängt sie zehn alte Schreibmaschinen kopfüber an die Decke und lässt sie stottern. Wenn dazu gleichzeitig die High Heels der Skulptur «American Walz» steppen, dann wird klar, dass das gesamte Environment auch eine Hommage an die Gattung ewig tippender Sekretärinnen ist.

Wenn oben von sich elektrisierenden Polen im Schaffen der Künstlerin die Rede war, so gehören die berühmten, maschinengetriebenen Federfächer sicher auch in diese Kategorie: luftig leicht, aber doch mechanisch. Ihr Pendant, der Fächer aus Stahlspitzen, ist filigran und trotzdem bedrohlich.

In Basel sind mit «Überströmer» und «El Rio de la Luna» auch arbeiten zu sehen, die nicht Körpererweiterung betreiben, sondern den Blick auf innere, verborgene Vorgänge lenken. Sie zeigen Rebecca Horns Beschäftigung mit Alchimie, jener alten Kunst, deren Ziel es war, Substanzen, und letztendlich die Seele, wieder in einen Urzustand zurückzuversetzen. Jenen Zustand, der die gegensätzlichen Pole wieder in eine harmonische Einheit zurückversetzt.

Ein alter Menschheitstraum, der wie derjenige vom losgelösten Fliegen nur in unseren Träumen Wirklichkeit wird. Die Kunst ist bloss eine Krücke für diesen Traum. Das beweist diese Ausstellung auf eindrückliche, mal verspielte, mal seltsam spröde, auch kryptische Weise. Unbeschwert verspielte Arbeiten zeigen die Videos aus frühen Jahren. Wenn Horn dort versucht, mit dem Schauspieler Otto Sander in einer Berliner Wohnung mittels Magneten zu einem dreibeinigen Wesen zu verschmelzen, dann ist das grosser Slapstick zum Thema Paarleben – und auch eine Verneigung der Künstlerin vor einer anderen wichtigen Inspirationsquelle: dem radikalen Absurd-Komiker Buster Keaton.

«Rebecca Horn. Körperphantasien» Museum Tinguely. Bis 22. September.