Bei Licht betrachtet verliert das Milieu seinen Nimbus einer Halbwelt. Zur Mittagszeit zumindest verbreitet der Edelweiss Club Basel maximal die Anrüchigkeit eines Klassenlagers. Rund ein Dutzend Frauen stiebt davon, als Puffbesitzer Diego sie – reichlich nervös – bittet, doch für ein Foto zu posieren. «Valeria*, möchtest Du nicht?» Die meisten haben keine Lust.

Die Frauen bereiten sich auf die Arbeit vor. Manche rauchen in der Küche Kette, einige schminken sich. Eine Dame macht grosse Augen, als sie mit Körper und Kopf im Tuch umschlungen aus der Dusche tritt. Die Zimmer sind bereits hergerichtet, die Betten sehen so jungfräulich aus, wie sie halt aussehen können. Als wäre es ein Hotel, hat jemand die Laken gefaltet.

Valeria gibt bereitwillig Auskunft, spanisch oder englisch. «Igual», egal. Foto aber bitte nur von hinten, sie sei noch nicht fertig geschminkt, entschuldigt sie sich. «Ich arbeite erst seit wenigen Monaten hier in Basel», sagt die vielleicht Vierzigjährige. Jeweils eine Woche im Monat bietet sie sich im Edelweiss an, für den Rest kehrt sie nach Spanien zurück. Zu ihrer Familie, die meint, sie arbeite als Stewardess.

Nach Zimmermiete – zwischen fünfzig und achtzig Franken verlangt Diego von «seinen Girls» – bleiben ihr 5000 Franken. Manchmal etwas mehr, «denn ich arbeite sehr, sehr hart». Die meisten Frauen erreichen nie einen solchen Lohn. Entsprechend zufrieden ist Valeria. «Die Arbeitsbedingungen hier sind gut.»

Unter Druck

Diego kann sich aussuchen, an wen er seine Zimmer vergibt. Die Konkurrenz ist hoch, wer es nicht in einen Salon schafft, muss in der Toleranzzone anschaffen. «Dort geht es schlimm zu und her», sagt Diego, der selber ein Etablissement an der Webergasse führt. Den Captain Cook, eine Kontaktbar im klassischen Sinn: unten Champagner, oben Spass nach der Stechuhr.

«Ich würde heute nicht mehr einen Betrieb in der Toleranzzone übernehmen», sagt Diego. Zu viele «Asoziale, Drogendealer und Betrunkene». Der tägliche Kampf der dortigen Dirnen ist hinlänglich bekannt: Ein krasser Konkurrenzdruck führt zu Dumpingpreisen, mit denen sich die schnell wechselnden Frauen über Wasser zu halten versuchen.

Die Frauen werben aggressiv um Freier. Im «Captain» stürzen sich die Dirnen gleich haufenweise auf die wenigen Männer, verfolgen sie bis auf die Strasse. Jedes Nein ist ein Rückschlag in ihrem Laufrad nach ein bisschen Geld, von dem sie ihre Familien in der Ferne ernähren.

In ihrem aktuellen Jahresbericht hält die Beratungsstelle Aliena fest: «Spürbar waren vor allem in der Toleranzzone die grossen Rivalitäten und die Feindseligkeiten unter den Sexarbeiterinnen sowie der Kampf um die Freier um jeden Preis.

Die Rolle der Freier blieb die gleiche: Sie nutzten die schwierige Situation aus, zahlten weniger und verlangten ungeschützten Sex.» Gestiegen sind deshalb im vergangenen Jahr die psychosozialen Beratungen, die Begleitungen und die Zahl der aufsuchenden Sozialarbeit. Obwohl die Behörden im vergangenen Jahr deutlich weniger Sexarbeiterinnen gezählt haben.

Gegen den Strich

Angenehmer Geld verdienen liesse sich in den Quartierzonen der Stadt. Doch dort haben Bordelle einen schweren Stand. «Alleine mir wurden bereits drei Betriebe geschlossen», sagt Diego.

In seinen Augen verfolgt die Stadt einen harten Kurs gegen das Milieu. Immer wieder versuchen Puffbetreiber, sich illegal einzunisten. Manchmal bleiben sie lange unbemerkt, manchmal verzögert sich der Rechtsweg – zum Leiden lärmgeplagter Anwohner.

Jüngste bekannte Beispiele sind die Schillerstrasse und die Amerbachstrasse. Am einen Ort war der Protest erfolgreich, die «Golden Pussy’s» (sic!) sind aus der Schillerstrasse ausgezogen. Im Gundeli deutet nichts mehr darauf hin, dass hier noch bis vor kurzem ein Laufhaus stand. Es kann ganz schnell gehen: Öffentlicher Druck, Besitzer unter Zugzwang, Räumung. Aber kein Puff scheint je wirklich zu verschwinden.

Die «Golden Pussy’s» fanden einen neuen Platz über der Schwulenbar «Elle et Lui». Diese soll neu als Kontaktbar dienen, seit eine im Milieu bekannte Puffbetreiberin den Laden übernommen hat, so wird in der Szene herumgeboten.

Davon ist auf einem Streifzug nichts zu spüren. Lediglich zwei junge Männer nuckeln teilnahmslos an ihrem Drink, aus den Boxen blubbert Latin-Sound. Nein, eine Kontaktbar sei das nicht, erklärt die Barfrau. Über das Milieu weiss sie mehr, als sie sagen will. «Aber wenn Ihr Spass wollt: Im vierten Stock ist ein Ladyboy, der macht Euch alles, was Ihr wollt.»

Dafür ist der zweite Hauseingang da, in dem es violett schummert und nach Wasserpfeife riecht. Beides notwendige Stilmittel, um die Illusion von ein bisschen Luxus aufrechtzuerhalten, wie es die Branche immer tut. Als sollte die nackte Wahrheit unter den roten Teppich gekehrt, hinter goldene Türen gesperrt und mit Namen wie «Elegance» oder «Villa Viktoria» notdürftig verschleiert werden.

Wenig sinnlich geht es an der Amerbachstrasse zu und her. Die Lage ist bestenfalls als unübersichtlich zu bezeichnen. Das FKK Basel verweigert sich den Behörden und macht sich die Bürokratie der Verwaltung zunutze, der Anwalt droht derweil mit einem Gang bis nach Strasbourg.

Rundum blüht das Geschäft im Graubereich. Salonprostitution ist in Basel praktisch in der ganzen Stadt möglich. Selbst in reinen Wohnzonen sind Salons legal, wenn die Prostituierten auch dort wohnen. Die Behörden haben kaum den Durchblick, und wenn doch, ziehen Betreiber und Dirnen um.

Den Freiern ist egal, ob der Betrieb über eine Gewerbelizenz verfügt, und über Umzüge tauschen sie sich rasch auf einschlägigen Portalen aus. Im schlechtesten Fall beginnt dann halt das Spiel von vorne.

Wider Erwarten

«Vertreiben kann man uns nicht», sagt Diego. Das liest er auch aus den neuesten Erfassungen des Justiz- und Sicherheitsdepartements ab, welche die «Schweiz am Wochenende» ihm vorlegt. Erstmals seit einigen Jahren hat die offizielle Zahl der Etablissements wieder zugenommen.

Allen Unkenrufen zum Trotz, das Business sei keines mehr. Drei zusätzliche Clubs stehen im Grossbasel, die meisten im Kleinbasel. Geschlossen hat ein Betrieb in Riehen. «Hinter den Neueröffnungen stecken oft jene Betreiber, die während einer grossen Schliessungswelle in den Jahren zuvor dichtmachen mussten», sagt Diego. Und wer keine Bewilligung erhalte, versuche sich halt in der Illegalität. «Ist das dann besser?», fragt er lakonisch.

Ist es nicht, findet Viky Eberhard von der Beratungsstelle Aliena. «Illegale Salons bedeuten für uns eine grosse Gefahr: Diese Frauen sind oft schutzlos und schwer für uns zu erreichen.» Ist es nicht, findet auch Valeria: «Hier fühle ich mich sicher.»

 

*Name geändert