Kunst in Basel

Eine mysteriöse, eine markante, eine marode Regionale?

Von Muttenz bis Strasbourg haben am vergangenen Wochenende 19 Kunsthäuser mit ihren aktuellen Ausstellungen die Regionale eröffnet.

Was heisst hier regional? Längst ist die Regionale eine internationale Veranstaltung. Drei Länder und neunzehn Institutionen sind involviert, wo kennt man Ähnliches? Regionale Künstler? Bringt ein Galerist auf die Art Basel alles New Yorker Künstler, ist er international vernetzt, sind es «nur» Schweizer Künstler spricht man ihm diesen Anspruch ab. Auch Andy Warhol und Gerhard Richter haben mal regional begonnen, vermutlich gar an einer Weihnachtsausstellung oder Regionale teilgenommen und schliesslich den Durchbruch geschafft.

Die Regionale als Tummelplatz für viele, ist ein guter Ort für Entdeckungen, auch wenn die qualitativen Unterschiede gross sind. Denn nicht jeder hat das Zeug, ein neuer Andy Warhol zu werden, so sehr dies allen Künstlern der Regionale zu wünschen ist. Insgesamt sieben Institutionen haben wir uns angeschaut, alle befinden sich innerhalb der Schweizer Landesgrenzen, doch was sie bieten, ist grenzenlos.

Wo Licht ist, ist auch Schatten

Im Kunsthaus Baselland haben sich Ines Goldbach und ihre Assistentin Eva Falge dem Thema «Licht» verschrieben. Wer nun glaubt, sie würden damit das Stromnetz des Kantons Baselland lahmlegen, liegt daneben. Die meisten der 19 beteiligten Künstler kommen ohne Stromkabel und Steckdose aus. Den Anfang macht Andreas Schneider, der mit Neonröhren «HOME» schreibt und die Besucher am Eingang damit willkommen heisst. Ein Déjà-vu bereits am Eingang, ob man da überhaupt eintreten soll? Man soll, auch wenn Andreas Schneider nicht das «Andy-Warhol-Format» hat, wie auch seine beiden Arbeiten im hintersten Raum des Untergeschosses zeigen. Das ist leider alles «Schnee-von-Gestern». Vielleicht müsste man auch in der Kunst den Begriff «Plagiat» etablieren.

Ein erstes Highlight im wörtlichen Sinn ist die Arbeit im Foyer von Emanuel Strässle: eine beinahe 3,5 Meter hohe Säule aus Kupferblech. In der glänzenden Oberfläche wird das Licht der Decke und der Umgebung reflektiert. Ein einfacher Eingriff, mit einer optimalen Wirkung. Leuchtende Oberflächen trifft man oft an in der Ausstellung, auch Frida Ruiz’ Installation zeugt davon: Ein mit dem Pinsel aufgetragener orangefarbiger Kreis bildet das Zentrum ihrer Wandmalerei, der von immer grösser werdenden Radien unterschiedlicher Farbigkeit und Ausmassen umgeben wird. Eine Arbeit, in die man sogartig hineingezogen wird, in der man sich bewegen muss, um ihr Volumen richtig zu erfassen.

Ihr gegenüber fast filigran mutet Franziska Furters Arbeit «Scribble» an. Schwarze Kringel, die aus Glasstäben gefertigt sind, überziehen die Wandfläche und verführen dazu, eigene Fantasiefiguren zu formen. Es ist eine ausgesprochen zeichnerische Arbeit, die Franziska Furter zeigt, eine, die den Radius des Mediums erweitert, eine, die in die vergangene Ausstellung über das Zeichnen gehört hätte, hier sich aber in einem adäquateren Umfeld bewegt. Gleiches trifft auch für Mireille Gros zu. Ihre 15 Arbeiten zeigen leuchtende Linien, die Formen vor dunklen Gründen zum Leuchten bringen. Auch Mireille Gros gehört zu jenen Künstlerinnen, die seit Jahren konsequent die Ränder des Mediums Zeichnung erweitern und dabei nicht davor zurückschrecken, die Medien zu kombinieren, Zeichnung als Malerei erscheinen zu lassen, um damit die Wahrnehmung aufs Glatteis zu führen.

Entdeckungen? «Drifting» von Viola Korosi: zusammengefügte Fragmente aus Eindrücken, Erinnerungsfetzen und Alltagsmotiven. Und obwohl sich ihre zweite Arbeit «Invisible Structures» an Bekanntes anlehnt, vermag sie doch zu überraschen: Vor weissem Himmel belagert ein Vogelschwarm einen Antennenmast. Diese Alltäglichkeit transformiert sich beim längeren Hinsehen in ein Ornament, eine Choreografie oder eine Notation. Es braucht wenig, um gute Kunst zu machen.

Mütterchen Russland

Die nationale Personifikation Russlands als ein Mütterchen zu zeigen, ist alt. Muda Mathis, Sus Zwick und ihre Begleiterin Iris Ganz wollen uns mit ihrer Videoinstallation «Russia is a man» klarmachen, wir hätten uns geirrt. In der Installation geht es um drei Frauengenerationen aus Russland, der Ukraine und Korea, um sowjetische Frauenbiografien, um Familienbande, Reisen und Emigrationen. Und es geht um Muda Mathis, Sus Zwick und Iris Ganz. Die Geschichte ist gut erzählt, die Situationen sind spannend, man lässt sich gerne 32 Minuten lang einlullen, sieht gelassen über die zahlreichen Verallgemeinerungen und Plattitüden hinweg und geniesst die musikalischen Einlagen.

Vermutlich ist der Film eher etwas für Frauen und spätestens da kommt die Frage auf, ob Russland tatsächlich ein Mann ist. Wieso ein Mann? Mögen Männer Gurkenscheiben und Melonenschnitze? Wo bitte bleibt der Wodka? Nichts gegen alternde Künstlerinnen, doch hin und wieder werden die Ästheten überfordert. Mit Verlaub, die diversen Einlagen der Babuschka-haften Frauen in ihren Negligés und wallenden Röcken passt zwar zur Frauenband «Les Reines prochaines», doch muss ein Film von Muda Mathis und Sus Zwick automatisch damit assoziiert werden? Kommt hinzu, dass Iris Ganz’ Stimme kaum verständlich ist und die Tänzchen von Muda Mathis abgedroschen und nicht mehr komisch wirken. Einigen wir uns darauf, dass Russland ein Bär ist und der hält momentan Winterlandschlaf und das ist auch gut so.

Wie im eigenen Wohnzimmer

Die Kuratoren Matthias Aeberli und Manuela Casagrande agieren in ihrer Ausstellung mit einem umfassenden Politikbegriff oder einem unglaublich erweiterten Kunstbegriff. Zitat: «Es soll nämlich buchstäblich alles darin Platz haben.» Von Allergie über himmelhochjauchzend bis Totenstarre und Zensur ist in dieser inspirierenden Ausstellung alles zu sehen. Die Kunsthalle Palazzo mutiert dabei zu einem Weihnachtsmarkt, wobei man fakultativ im Santi-Chlaus-Kostüm erscheinen darf. Den Anfang machen drei Fotografien von Matthias Schleifer, wo ein nackter Mann eine Sonne an einem Stab hält. Er steht am See, auf dem Speicher und verschwindet durch ein Loch. Zwei Räume weiter sind von Selina Baumann drei surreale Objekte zu sehen: gnomenhafte Lebewesen eines fremden Planeten. Dazu passend die Stickerei mit Alltagsgegenständen von Patricia Huijnen.

Poetisch ist die «Sprechblase» von Matthias Schleifer, ein Objekt aus einem Papier, einem Spazierstock und einem Fahrradständer. Politisch sind die grossformatigen Zeichnungen von Franziska Furter, die an ein Triptychon erinnern. Die Zeichnung mit den gläsernen Kristallen wirkt nicht wie Christbaumschmuck, sie ist poetisch und aggressiv zugleich. Der Künstlerin gelingt es meisterhaft, Text und Bild miteinander zu kombinieren, nicht aufdringlich oder abwesend zu wirken und doch zu polarisieren. Auch wenn Franziska Furter längst in unseren Gefilden bekannt ist, ihre Arbeit ist eine Entdeckung. Witzig und politisch ist auch Nici Josts Gesamtkunstwerk «Recycling Art – Pretty in Pink», eine grosse Installation aus rezyklierter Kunst, die er rosafarben bemalt hat. Ein Raum für Glücksschweinchen aus Marzipan. Silvester steht vor der Tür.

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