Literatur
Einblick in Robert Walsers geheime Kartonschachtel

Eine neue Edition erweckt Robert Walsers legendäre Mikrogramme wieder zum Leben – heute Abend wird sie in Basel in der Buchhandlung Labyrinth präsentiert.

Iris Meier
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Robert Walser-Archiv der Carl Seelig-Stiftung

«Wenn Robert Walser hunderttausend Leser hätte, wäre die Welt besser», sinnierte Hermann Hesse in einer Zeit, in der Walsers Werk noch wenig bekannt war. Mittlerweile hat sich der 1878 in Biel geborene Autor von einem Geheimtipp zum Trendautor entwickelt. Seine kuriosen Entwicklungsromane, die keine sind, fesseln ebenso wie die sprachlich virtuosen Erzählungen über eine Rose, einen Knopf, einen Zahnarzt, ein Liebespaar oder einen Käse. Wer Walser liest, begibt sich mit ihm auf einen Spaziergang, auf dem man nie weiss, was einem um die nächste Ecke begegnet. Wie kaum ein anderer Autor ist Robert Walser unberechenbar. Hinter seinem scheinbar plauderhaften, harmlosen Ton steckt eine Weisheit und bewegende Schönheit.

Walser wird international geschätzt und hat die Zahl der Hunderttausend längst überschritten. Und doch ist die Welt – Hermann Hesse würde wohl zustimmen – nicht besser geworden.

Des Autors kleinste Blätter

Während da die Mächtigen proklamieren, ihre Länder wieder gross(artig) zu machen, beschäftigt sich die Walser-Forschung mit dem Kleinsten, was er produziert hat: mit seinen sogenannten Mikrogrammen.

Diese legendären 526 Blätter, beschrieben in winzigster Schrift wurden erst spät entdeckt. Zu seinen Lebzeiten hatte Walser sie in einer Kartonschachtel versteckt. Die Literaturwissenschaftler Werner Morlang und Bernhard Echte haben sie als erste entziffert und rund die Hälfte davon zwischen 1985 und 2000 publiziert. Zur Zeit arbeiten Wolfram Groddeck, Angela Thut und Christian Walt an einer Neuedition, die nicht bloss hervorragende Faksimiles der Blätter bietet, sondern – typografisch ebenso clever wie grafisch schön – den transkribierten Text in zwei Varianten zur Verfügung stellt. Einmal in sehr kleiner Type und in der gleichen Anordnung wie die Originaltexte (für den kontextuellen Zusammenhang), einmal in vergrösserter Form (für den Lesefluss). Der hellblaue Band ist mehr als ein Buch, er ist eine Art Schatzkiste. Die Lesenden können sich an den Faksimiles, die man auch (im mitgelieferten Internet-Link) elektronisch vergrössern kann, selbst im Entziffern der Mikrogramme erproben.

Wild und unkontrollierbar

Neu an der kritischen Edition ist auch, dass sämtliche Texte abgedruckt werden, auch solche, die Walser später abgeschrieben, manchmal auch umformuliert und an Zeitungen geschickt hat. Im Vergleich mit den früheren Texten, findet Groddeck, seien die Mikrogramme «unkontrollierter, wilder, enthalten noch mehr Fantasien». Und er schwärmt: «Es ist auch ein bisschen wie ein Dschungel. Man liest sich irgendwo fest.» Beim Entziffern hätten sich Angela Thut, Christian Walt und er oft krumm gelacht. Denn mögen die Buchstaben noch so klein sein, Robert Walsers Humor ist mal zärtlich, oft ironisch, mal grotesk – und immer gross. Mag die Welt durch das Walser-Lesen auch nicht besser werden, heiterer wird sie bestimmt. Der Zugang, den die neue Edition den Lesenden zu Walsers Mikrogrammen bietet, ist hervorragend. Ob man sich eher beim Entziffern oder beim Lesen vergnügen will: Ein bisschen Zeit braucht man dazu. Es ist kein Buch für eine kurze Zugfahrt, kann einen aber, so Wolfram Groddeck, «einen ganzen Winter lang glücklich machen». Nach einem Einblick in den ersten Band steht fest: Hoffentlich kommt er bald, dieser Winter.

Mikrogramme 1924/1925 mit den Herausgebern Wolfram Groddeck, Angela Thut, Christian Walt. Heute Mittwoch, 19.30 Uhr, Buchhandlung Labyrinth, Nadelberg 17, 4051 Basel. Eintritt frei.