Blue Man Group

Ein Blauer Mann packt im Interview mit der bz aus: «Ich fühle mich wie Superman»

Sie sind stumm, haarlos und blau. Auf der Bühne schlagen sie auf Rohre und Trommeln, spucken Farben auf Leinwände und fangen Marshmallows mit dem Mund: Die Blue Man Group unterhält ihr Publikum seit über drei Jahrzehnten.

Aktuell gibt es fixe Shows in fünf amerikanischen Städten und in Berlin sowie je eine Tour-Formation in den USA und in Europa.

Mit Letzterer kommt Brian Tavener nach Basel. Der Musiker aus North Carolina hat mehrere Alben veröffentlicht, liess sich 2007 zum Blue Man ausbilden und stellt als «blue captain» die Qualität der aktuellen Produktion sicher.

Was ist Ihre Lieblingsfarbe?

Brian Tavener: (lacht) Sie werden es nicht glauben: In meinen zwölf Jahren als Blue Man wurde ich das noch nie gefragt. Ich mag Grün sehr.

Sie können sich damit trösten, dass die Blue Man Group eine grüne Botschaft hat.

Stimmt. Unser Anliegen ist, dass wir alle gegenseitig auf uns aufpassen müssen. Das gilt natürlich auch für den Planeten. Im Kern geht es bei der Show um ein Gemeinschaftsgefühl.

Sind die Akteure deshalb gesichtslos?

Genau. Weil man uns nicht erkennt, ist es leichter, sich mit uns zu identifizieren. Ein Blue Man hat kein Ego. Die drei Gestalten auf der Bühne unterscheiden sich kaum voneinander – so wie sich alle Menschen im Grunde gleichen.

Und wozu dann die Farbe?

Die Blue Men sehen komisch aus, haben kaum Mimik und keine Sprache. Aber genau deshalb kann sich das Publikum so gut mit ihnen identifizieren.

Muss es Blau sein?

Es ist die einzige Farbe, die funktioniert. Rot und Gelb wären hässlich im Scheinwerferlicht, Grün würde an Marsmenschen erinnern. Wir verbringen übrigens 45 Minuten in der Maske und tragen Glatzenkappen. Die Farbe hat die Konsistenz von Erdnussbutter oder Nutella.

Sind Sie nicht gekränkt, wenn man Sie abseits der Bühne nicht erkennt?

Ich liebe diese Anonymität. Ich fühle mich dann wie Superman, den niemand erkennt, wenn er als Clark Kent im Büro sitzt.

Wobei sich Superman als einziger Held verkleiden muss, um normal zu wirken.

Stimmt. Und das klingt jetzt verrückt: Ich bin in meinem Outfit als Blue Man oft näher bei mir als im Alltag.

Das müssen Sie erklären.

Losgelöst von Sprache und sozialen Gepflogenheiten entdecke ich eine Freiheit. Ich kann mich mit wildfremden Menschen verbinden, was mir auf der Strasse nie gelingen würde.

Ihre Anonymität bedeutet aber auch: Sie sind in der Gruppe leicht zu ersetzen?

Ja. Es gibt aktuell mehr ausgebildete Blue Men als wir Bedarf haben. Wenn ich also mal aussteige, dann ist meine Nachfolge gesichert. Auf dieser Tour sind wir sechs Musiker und vier Blue Men, davon stehen pro Show vier Musiker und drei Blue Men auf der Bühne. Aber es ist uns wichtig, dass wir wie eine Familie funktionieren.

Nun haben Sie mich angefixt. Was muss ich tun, um ein Blue Man zu werden?

Wir schreiben auf www.bluemangroup.com/casting regelmässig Castings aus. Es gibt körperliche Voraussetzungen: Sie müssen die richtige Grösse und Statur haben und Vorkenntnisse als Schlagzeuger mitbringen. Und ein gewisses Schauspieltalent.

Obwohl die Show ohne Sprache und mit minimaler Mimik auskommt?

Gerade deswegen: Sie müssen Emotionen ausdrücken über die Augen oder mit Körpersprache.

Die Anforderungen klingen machbar. Ist das alles?

Das ist erst der Anfang. Als nächstes müssen Sie ein intensives zweimonatiges Training absolvieren, denn die Anforderungen sind sehr eigen. Die wenigsten können Dinge mit dem Mund fangen oder Bilder malen, indem sie Farbe spucken.

Was ist denn für Sie das Schwierigste auf der Bühne?

Das Nichtstun. Es gibt lange Phasen, in denen man nur die Position halten muss. Das ist körperlich sehr anstrengend und wir halten uns alle fit, um keine Krämpfe zu bekommen.

Ich stelle mir vor, dass das regungslose Gesicht auch nicht nur leicht fällt, oder?

Stimmt, das ist vermutlich sogar das Allerschwierigste in diesem Job: nicht zu lachen. Ich arbeite mit vielen sehr komischen Typen und wir geraten oft in absurde Situationen.

Gibt es im Drehbuch einen Plan B für diesen Fall?

Wann immer Sie einen Blue Man sehen, der sich mit dem Rücken zum Publikum dreht, dann können Sie davon ausgehen, dass gerade etwas sehr Lustiges passiert ist.

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