Euro-Airport
Die Anwohner des Euro-Airport zweifeln an der Flughafensicherheit

Die geltende Risikoanalyse von 2001 ist den Flughafenanrainern zu alt. Der Bericht geht von ansteigenden Flugbewegungen aus, sie haben seit dem Swissair-Grounding jedoch deutlich abgenommen. Trotzdem wird eine Überarbeitung gefordert.

Daniel Haller und Leif Simonsen
Merken
Drucken
Teilen
Die Bauweise im Anfluggebiet des Basler Flughafens wird dichter, die überflogene Bevölkerung nimmt zu.

Die Bauweise im Anfluggebiet des Basler Flughafens wird dichter, die überflogene Bevölkerung nimmt zu.

Heinz Dürrenberger

«Ich bin der Meinung, dass die Risikoanalyse zum Euro-Airport neu erstellt oder überarbeitet werden muss.» Das sagt der Bottminger SVP-Landrat Hanspeter Weibel. «Wir haben heute am Euro-Airport einen anderen Verkehr, andere Verkehrsbetreiber, einen anderen Flottenmix und andere Verkehrsbeziehungen.»

Die gleiche Forderung erhebt auch Madeleine Göschke, Präsidentin des Schutzverbands der Bevölkerung um den Flughafen Basel-Mülhausen. Die ehemalige Landrätin der Grünen ist unzufrieden mit dem Basler Regierungspräsidenten aus derselben Partei, der zudem im Verwaltungsrat des Flughafens sitzt: «Guy Morin macht gar nichts. Ich habe letzthin an sein ärztliches Gewissen appelliert.»
Nun kommt also zur Lärmdiskussion um den Flughafen eine Sicherheitsdebatte: Was passiert bei einem Flugunfall? Dazu heisst es in der 2001 veröffentlichten Risikoanalyse: In den pistennächsten Siedlungsgebieten sei die Gefahr, durch einen Flugunfall zu sterben, etwa so gross wie das Risiko eines Lokführers, in seinem Beruf zu Tode zu kommen.
«Zweck der Risikoanalyse», heisst es in der von zwei deutschen Instituten verfassten Studie, sei es unter anderem, «zur Vertrauensbildung zwischen Bevölkerung, Flughafen und politischen Behörden beizutragen».

Deutlich weniger Flugbewegungen

Die Risikoanalyse ging aus von 125 000 Flugbewegungen (1999) und stellte fest: Es «kann auch ein künftig grösseres Verkehrsaufkommen - angenommen wurde eine Verkehrssteigerung bis 2010 von 45 Prozent - in einem sicheren Rahmen abgewickelt werden.» Das wären 177 000 Flugbewegungen. Gemäss dem Allschwiler Gemeindepräsident Anton Lauber (CVP) ist er aber nur auf eine Kapazität von 150 000 Flugbewegungen ausgelegt. Doch nach 2001 nahm die Zahl der Flugbewegungen nicht zu, sondern nach Swissair-Grounding und Swiss-Wegzug sogar deutlich ab: 2003 waren es noch 88 000 Starts und Landungen, was dem heutigen Niveau entspricht. Auch der Frachtverkehr ging von 124 000 Tonnen im Jahr 2000 auf 94 000 Tonnen 2012 zurück. Zugleich änderte sich die Zusammensetzung der Flotten: 2012 wurden mit 87 000 Flugbewegungen doppelt so viele Passagiere wie 2003 befördert. Man fliegt also mit grösseren Maschinen als zur Zeit der Risikoanalyse.

Anwohner trotzdem beunruhigt

Auch wenn die Statistik eine Abnahme anzeigt, nehmen Anwohner das Gegenteil wahr: «Der Frachtverkehr - vor allem in den Morgen- und Nachtstunden - hat stark zugenommen», erklärt Weibel. Dazu erklärt der Basler Regierungsrat Christoph Brutschin (SP) als Vizepräsident des Flughafen-Verwaltungsrats: «Der Instrumenten-Anflug führt über stadtnahe Gebiete, die früher nicht überflogen wurden, primär Binningen. Insofern gibt es heute Beeinträchtigungen, die zur Zeit der Risikoanalyse noch nicht gegeben waren.»
Verändert hat sich nicht nur der Flugverkehr, sondern auch das überflogene Siedlungsgebiet: Allein in Allschwil nahm die Bevölkerung um 1500 Personen zu, davon 800 im Ziegelei-Areal. Das Gewerbegebiet Bachgraben hat sich stark entwickelt. «In der Agglomeration findet eine Verdichtung hin zu städtischer Bebauung statt», stellt Lauber fest. «Die Parameter haben sich sowohl auf der Seite des Flughafens als auch der Anrainer verändert. Nach über zehn Jahren ist deshalb eine Überarbeitung der Risikoanalyse angezeigt.»
Nur Private wünschen neue Studie

Dies sieht man im Flughafen anders: «Die aktuellen Zahlen liegen weit unter dem damaligen Prognoseszenarium», erklärt Flughafensprecherin Vivienne Gaskell. «Die Ergebnisse der seinerzeitigen Risikoanalyse sind grundsätzlich heute noch gültig», bestätigt Brutschin. Und die Baselbieter Regierungspräsidentin und Flughafen-Verwaltungsrätin Sabine Pegoraro (FDP) betont: «Es besteht derzeit kein Anlass für eine neue umfassende Risikoanalyse, weil sich keine signifikanten Änderungen an An- und Abflugregimes, an den prozentualen Verteilungen der Richtungen und an den Mengengerüsten ergeben haben.»

Entsprechend gab es im Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) bisher ausschliesslich private Anfragen für eine neue Risikoanalyse. «Diese werden derzeit geprüft. Von offizieller Seite der beiden Kantone bekamen wir allerdings keine Anfragen», sagt Bazl-Sprecher Urs Holderegger.