Die Alten Glaibasler sind eine Institution in der Basler Fasnachtsszene. Sie bestehen seit 1923 und sind eine der letzten verbliebenen Männercliquen. Wie viele Vereine kämpfen auch sie damit, dass sich immer weniger Leute finden, die eine tragende Rolle übernehmen wollen. Stefan Bruderer weiss, wovon er spricht: Er hat sich zeit seines Lebens für das Stadtleben eingesetzt.

Herr Bruderer, während 21 Jahren waren Sie Obmann der Alten Glaibasler (AGB). Vor einem Jahr haben Sie Ihr Amt abgegeben – wie kam es dazu?

Stefan Bruderer: Ich wollte nicht dann aufhören, wenn es nicht mehr anders gegangen wäre. Ich habe im Verlauf meiner Amtszeit immer wieder versucht, einen Nachfolger aufzubauen. Wenn dies geklappt hätte, wäre ich auch früher abgetreten. Leider kam immer wieder etwas dazwischen. Der Erste ging auf Zürich, der Zweite hatte nach der Ausbildung keine Zeit mehr. Der dritte war ein Jahr mein Vize und führt jetzt die Clique ad Interim.

In der Fasnachtszene ist der Umstand, dass Sie keinen Nachfolger finden, Stadtgespräch.

Nach der GV habe ich einen Brief an die Obmänner der anderen Cliquen geschrieben und angekündigt, dass wir jetzt eine Interimslösung haben. Ich habe dann schon mitgekriegt, dass dies in verschiedenen anderen Cliquen auch zu Diskussionen geführt hat.

Für Sie scheint die Freiwilligenarbeit selbstverständlich – es war nicht Ihr einziges Amt.

Ich war Präsident der Verkehrskommission des Comités, war jahrelang Volleyballtrainer und im Vorstand des KTV Riehen, ich bin bei den Zunftbrüdern in Not und Vorgesetzter der Ehrengesellschaft zum Greifen. Aber in der Clique ist es schon deutlich weniger geworden, dort schreibe ich nur noch den Zeedel.

Nicht wenig.

Ich hatte immer das Glück, dass ich auch die nötige Unterstützung hatte.

Mehrere Cliquen und Vereine kämpfen damit, dass sich die Leute weniger engagieren wollen. Woran liegt das?

Das Angebot ist sicher grösser geworden. Zudem hat das Interesse abgenommen, sich längerfristig an Strukturen zu binden. Die Leute sind spontaner geworden, verbindliche Freundschaften haben abgenommen.

Ist es eine Frage des Alters? Wie ist die Durchmischung eures Vorstandes?

Die ist soweit eigentlich okay. Es hat Jüngere dabei. Doch es zeigt sich auch hier, dass wir auf Ältere zurückgreifen müssen. Unser neuer Kassier ist 65.

Sie sind auch im Vorstand einer Ehrengesellschaft. Wie sieht dort aktuell die Warteliste aus?

Die ist massiv kleiner geworden.

Leiden die Cliquen, Zünfte und Ehrengesellschaften besonders unter dieser Entwicklung, ist das Traditionelle nicht mehr so gefragt?

Ich glaube nicht. Das Phänomen geht über diesen Teil der Freizeitbeschäftigung hinaus. Das Vereinsleben insgesamt hat offenbar an Attraktivität eingebüsst. Die Leute wollen kein Ganzjahresprogramm mehr, sie wollen möglichst unverbindlich an der Fasnacht einstehen und unterhalten werden. Aber sicher nicht üben.

Sind Cliquen, Zünfte und Ehrengesellschaften nicht vielleicht einfach ein alter Zopf?

Da würde ich mich vehement dagegen wehren! Ich denke, es wird eine Gegenbewegung kommen. Solche Strukturen geben auch Halt. Man weiss: Wenn man an diesen und jenen Anlass geht, trifft man seine Freunde. Im Zuge der aktuellen Individualisierung wird dies wieder wichtiger. Der Mensch ist ja ein soziales Wesen und nicht dazu geboren, einsam mit einem Handy auf einer Insel zu sitzen. Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass die aktuellen Entwicklungen Basel auch besonders treffen. Dem Traditionellen kommt eine hohe Bedeutung zu, die Fasnacht ist ein unglaublicher Hort der Kreativität. Dazu kommt eine wirtschaftliche Bedeutung: Ein Tattoo mit seinen unzähligen freiwilligen Helfern ist nur hier möglich. Das macht diese Stadt auch aus.

Es gibt weitere Erklärungsansätze für das Vereinssterben. Die Gesellschaft ist mobiler, die Arbeitsbelastung höher geworden…

Die Arbeitsbelastung ist sicher höher geworden, genauso wie die Erwartung, allzeit verfügbar zu sein. Das ist vielleicht ein Grund. Aber mich dünkt, wir sind auch nicht mehr darauf ausgerichtet, sich lange zu verpflichten.

Fasnacht ist auch ein Zeitfresser.

Natürlich. Aber es gibt ja auch Energie! Man erhält ja etwas zurück, es ist ein Ausgleich. Es ist schon so, dass es auch nicht jedem gegeben ist, sich zusätzlich zu engagieren. Dann konzentriert sich halt die Arbeit auf einige wenige Leute.

Gibt es noch Cliquen, in denen die Obmänner seit 20 Jahren im Amt sind?

Wenige. Ich weiss von zweien, die mit mir angefangen haben. In dieser Zeitspanne haben manche Cliquen viermal den Chef ausgetauscht. Die Rotation bei diesen Chargen ist generell schneller geworden: Die Leute wollen ein Amt nicht mehr so lange ausüben. Man muss ja auch das Glück haben, eine Stelle zu haben, die eine solche Kontinuität erlaubt.

Bald ist Generalversammlung, dann müsste ein neuer Obmann gewählt werden. Wie geht es Ihnen persönlich dabei?

Wenn wir keinen definitiven Nachfolger wählen können, würde mir das schon wehtun. Die AGB ist wie ein Kind für mich.