Fussball
Der zweite Anlauf des Derlis González

Fussballexperten in Südamerika prophzeiten Derlis González eine grosse Fussball-Karriere. Einst bei Benfica Lissabon gescheitert, will der Paraguayer nun in Basel den Sprung in eine grosse Liga schaffen.

Sebastian Wendel
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Mehr Herzblut und Leidenschaft für den Fussball als für den Klub: Derlis González hofft auf ein Angebot aus einer grossen Liga.

Mehr Herzblut und Leidenschaft für den Fussball als für den Klub: Derlis González hofft auf ein Angebot aus einer grossen Liga.

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Ob man lachen oder weinen soll, muss jeder selbst entscheiden. Auf jeden Fall steht die Geschichte von Derlis González stellvertretend für so manch jungen Fussballer aus Südamerika, für den der Traum von Europa in Erfüllung gegangen ist.

Es ist der 3. April dieses Jahres, als der FC Basel gegen Valencia spielt. Zuschauer sind im St. Jakob-Park keine zugelassen, das Heimteam gewinnt mit 3:0. 10 000 Kilometer Luftlinie entfernt, in der paraguayischen Hauptstadt Asunción, sitzt Derlis González nichts ahnend vor dem Fernseher, als sein Berater Isidoro Gimenez plötzlich sagt: «Übrigens, die Spieler im rot-blauen Trikot sind nächste Saison deine Teamkollegen.» Zu diesem Zeitpunkt sind die Verträge längst ausgehandelt, ein paar Tage später muss González nur noch unterschreiben.

So erzählt der 20-Jährige, wie es dazu kam, dass er jetzt in der Schweiz spielt. Er erzählt die Geschichte mit einer Gleichgültigkeit, die beim Zuhörer unweigerlich den Begriff «moderne Sklaverei» hervorruft. Umso mehr, als er sagt: «Wenn mein Berater gesagt hätte, mein neuer Klub sei aus der Ukraine, dann wäre ich jetzt dort.» Nein, die Identifikation mit seinen Arbeitgebern steht bei González wohl nicht an erster Stelle. «Ich will einfach mit Herzblut und Leidenschaft Fussball spielen», sagt er. So überrascht es nicht, dass er im gleichen Atemzug darüber spricht, Basel sei noch lange nicht das Ende seiner Träume. In einem Jahr, spätestens in zwei, hoffe er auf ein Angebot aus einer grösseren Liga. Dessen war man sich auch beim FC Basel bewusst, als man González einen Vertrag bis 2019 anbot. Erfüllen wird er diesen kaum, also soll für den FCB beim Verkauf wenigstens eine saftige Ablösesumme herausschauen. Wenn González dort weitermacht, wo er vor einer Woche beim 3:0-Heimsieg gegen Luzern aufhörte, dann wird es irgendwann auch so kommen.

Etwas überraschend gab González schon am zweiten Spieltag der Saison sein Debüt in der Startelf. Dabei glänzte er nicht nur mit den Vorlagen zum 1:0 und 3:0, sondern auch mit seiner Schnelligkeit und einer für einen 20-Jährigen ungewohnten Ruhe am Ball. «Ich bin zufrieden. So ein Stadion wie in Basel gibt es in Paraguay nicht», sagt er. Auch wenn das Wetter in der Schweiz kälter und das Leben teurer als in Paraguay sei – sein Berater habe dieses Mal einen guten Klub für ihn ausgewählt. Anders als vor zwei Jahren, als er schon einmal den Sprung nach Europa wagte.

Damals hiess das Ziel Benfica Lissabon. Wie viele europäische Grossklubs häufen auch die Portugiesen vor jeder Saison weit über 30 Spieler an, bevor ausgesiebt wird. González kam aus Paraguay vom Klub Rubio Nu. Mit der Empfehlung, dort bereits im zarten Alter von 15 Jahren als Profi debütiert zu haben. González überstand die Kaderselektion nicht, wurde in die zweite Mannschaft von Benfica abgeschoben und musste erkennen, dass mit 18 Jahren der Schritt nach Europa zu früh kam. «Ich war damals noch zu schüchtern, als Mensch nicht reif genug.»

Anfang 2013 liess er sich zurück nach Paraguay ausleihen. Erst zu Guarani, dann zu Olimpia Asunción, dem grössten Klub seines Heimatlandes. Dort war González auch wieder nah bei seiner Familie, die er in Portugal so sehr vermisst habe.

Der Sohn von Viehzüchtern

Fünf Kilometer entfernt von Asunción, in Mariano Roque Alonso, ist González aufgewachsen. Seine Eltern bewirtschaften dort einen Viehzuchtbetrieb, auf dem González als Junge zwischen Kühen und Schweinen die ersten Bälle trat. Zusammen mit seiner ein Jahr jüngeren Schwester, die heute in Paraguay als Folklore-Sängerin ihr Geld verdient. «Wir hatten eine gute Kindheit, dank dem Geschäft unserer Eltern mussten wir auf nichts verzichten», erzählt er.

Das ortsansässige Fussballinternat erkannte rasch das Talent des kleinen Derlis und nahm ihn auf. Von da an ging er morgens zur Schule, am Nachmittag ins Training. Wie üblich in Paraguay, trat er erst als 14-Jähriger einem Verein bei. Nach sechs Monaten als Junior bei Rubio Nu unterschrieb er mit 15 Jahren seinen ersten Profivertrag. Die Dinge nahmen ihren Lauf.

González wie Di María?

Im Sommer 2013 erreicht González mit Paraguay an der U20-WM in der Türkei die Achtelfinals. Viel wichtiger: Dank seiner guten Leistungen findet er Aufnahme in den Notizbüchern des FC Basel. Der wartet aber noch zu mit einer Verpflichtung, will erst die weitere Entwicklung González’ in Paraguay beobachten. Die überzeugt: Der offensiv überall einsetzbare González schiesst Tore, bereitet sie vor, wird A-Nationalspieler.

Auch privat kommt er voran, seit 17 Monaten ist er Vater einer Tochter. Es folgt besagter 3. April 2014, an dem González aus dem Nichts von seiner Zukunft in der Schweiz erfährt. Zur Eingewöhnung ist dieses Mal die Mutter mitgeflogen. In zwei Monaten, wenn das Touristenvisum abläuft, muss sie zurück nach Paraguay und González wird sie dann vor allem «wegen ihres guten Essens» vermissen. Aber sonst sei er jetzt reif genug, sich mit seiner kleinen Familie selber zurechtzufinden in der fremden Welt. Und dafür, im zweiten Anlauf die Prognosen der Experten in Südamerika zu erfüllen. Die sehen in Derlis González den Nachfolger von Angel Di María. Dem Argentinier also, der wie González einst als Teenager zu Benfica Lissabon ging und seit vier Jahren bei Real Madrid spielt.