Basler Geschichte(n)
Der Spekulant und die Magd

Basler Stadtgeschichte(n), Teil 1: Wer sind die Menschen auf der Fotografie von Jakob Höflinger?

Esther Baur*
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Eine Stereofotografie, aufwendig inszeniert und mit Aussagekraft im Detail.

Eine Stereofotografie, aufwendig inszeniert und mit Aussagekraft im Detail.

Jakob Höflinger (1819–1892), StaBS, Fotoarchiv Höflinger, Hö B 168 und Hö B 169

Die beiden Fotografien aus dem «alten Basel» sind alles andere als selbstverständlich. Sie zeigen nämlich nicht einfach, «wie es früher war». Sondern sie zeigen ein inszeniertes Bild voller Rätsel, das mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Was hat der Fotograf Jakob Höflinger 1863 auf die Platte mit dem Titel «Auf der Lyss» gebannt? Zu sehen ist der Rondenweg, der auf der Innenseite der Stadtmauer vom Spalentor zum Fröschenbollwerk führte. Die Tage der Mauer und des Fröschenbollwerks waren zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits gezählt: Die Mauer fiel 1867 der Stadterweiterung zum Opfer, das Fröschenbollwerk, das sich auf der heutigen Kreuzung Schützengraben/Schützenmattstrasse befand, wurde 1868/ 1869 geschleift. Der Ort lässt sich also identifizieren. Doch wer sind die abgebildeten Personen?

Die beiden hier nebeneinander montierten Kollodiumplatten waren ursprünglich ein einziges Stereonegativ, das erst später in zwei Hälften gebrochen wurde. Erstmals gedruckt wurde die eine (linke) Seite in den «Basler Nachrichten» am 13. August 1926 mit dem Titel «Die alte Eisengasse um das Jahr 1880». Prompt monierte ein Leser die falsche Bildlegende und identifizierte die Personen. Der Herr mit Bart sei der Kolonialwarenhändler Herr Stehelin-Imhof von der Spalenvorstadt, der Herr mit dem hohen Hut Herr Sensal X. und «das Mädchen im Vordergrund hiess Marie Reber (...), die Kindsmagd links nannten wir Christine, und das Kindchen im Tragrock stellt den heutigen Zunftmeister zu Gerbern im Sommer 1863 vor.» Die Angaben haben sich durch Recherchen weitgehend bestätigen lassen. Doch was findet hier auf dieser aufwendig inszenierten Fotografie statt?

Das Bild ist nicht durch Zufall entstanden

Die ausbelichteten Stereobilder kamen, auf Kartons montiert, oft als ganze Bildsets in den Handel. Der grosse Aufwand, der mit der Herstellung eines Stereonegativs verbunden war, lässt vermuten, dass mindestens die beiden Herren nicht zufällig aufs Bild geraten sind. Was taten Herr Sensal X. und Spezereihändler Stehelin-Imhof zusammen auf einem Stereobild? Vielleicht liegt ein Schlüssel zum Verständnis beim «Sensal». Als Sensal bezeichnete man Börsenmakler, also Vermittler von Waren- und Wechselgeschäften. Ihr Beruf hatte mit der Entstehung des Kapitalmarktes in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine neue Bedeutung bekommen. Die ersten amtlichen Bestimmungen über den Handel mit Wertpapieren stammen in Basel aus dem Jahr 1855, als die Rechnungskommission bestimmte, dass «als Mittelspersonen zum Abschluss von Geschäften in Wechseln, Staatspapieren und Aktien auf hiesigem Platz [...] einzig die erwähnten Wechsel-Sensalen befugt» seien. Ihnen stand «auch die Vermittlung von Käufen und Verkäufen von Liegenschaften [...]» zu.

1862 gab es in Basel sechs amtlich vereidigte und vom Kleinen Rat gewählte Wechselsensale. Unser Herr mit Zylinder war einer davon. Man kann also spekulieren, dass auf dem Foto der Sensal X. dem Kolonialwarenhändler Stehelin-Imhof ein interessantes Geschäft unterbreitete. War der Kauf von baufälligen Liegenschaften mit der bevorstehenden Öffnung der Stadt eine interessante Investition geworden? Oder ging es um den Kauf von Wertpapieren, beispielsweise von Obligationen der Schweizerischen Centralbahn? Wir können hier nur spekulieren – wie es die beiden Herren auf unserem Bild vielleicht auch tun – oder weiter recherchieren. Und uns etwa fragen, weshalb der Nachname der Kindsmagd Christine nicht überliefert wurde ...

Vielfältige Informationen in historischen Fotografien

Die Aufnahme ist ein schönes Beispiel dafür, was für vielfältige Informationen in historischen Fotografien stecken. Solche Aufnahmen bilden nicht bloss verschwundene Mauern ab. Sie bergen auch Informationen über die Hintergründe der Veränderungen, die aus dem «alten Basel» innert weniger Jahrzehnte eine moderne Stadt machten. Lesbar wird, wer am physischen wie sozialen Wandel beteiligt war, und in welcher Rolle. Auch die Kindsmagd Christine war eine Akteurin. War sie vielleicht als Arbeitsmigrantin aus dem süddeutschen Raum in die boomende Stadt gezogen, in eines der neuen Arbeiterquartiere? Solchen Fragen spürt die neue Basler Stadtgeschichte nach.

* Esther Baur ist Staatsarchivarin in Basel und Lehrbeauftragte am Departement Geschichte der Universität Basel. Sie hat unter anderem zur Geschichte der Fotografie publiziert.