«Es war ein langer Prozess, ein Hin und Her. Ich hatte mich verliebt, trotz meiner Überzeugungen.» Paul Vettiger weiss, wie es ist, sprichwörtlich zwei Herzen in der Brust zu tragen. Während der Weihe hatte sich der einstige katholische Pfarrer bereit erklärt, seine Liebe Gott zu widmen. Sich mit Christus zu verbinden und sein Leben dem Glauben zu unterweisen. Und doch hat er sich später verliebt, in eine Frau aus Fleisch und Blut, was alles änderte.

Die aktuelle Debatte um das Zölibat in der katholischen Kirche verfolgt Vettiger genau. Vergangene Woche machte die «Südostschweiz» publik, wie Pfarrer Marcel Köhle am Ende eines Gottesdienstes vor seine Gemeinde trat und verkündete: Er habe sich verliebt. Sieben Jahre hat der junge Pfarrer die Bündner Gemeinde Brigels begleitet, jetzt reicht er seine Demission ein. Vettiger kann ihm nachfühlen, es sei keine einfache Situation. Zumal Köhle andere Bedingungen antrifft wie damals Vettiger in den späten 70er-Jahren. «Damals stand dem Bistum Basel Bischof Hänggi vor», erzählt er. «Er hat mich sehr offen und wohlwollend aufgenommen.»

Mitunter ein schmerzvoller Prozess

Vettiger war nicht nur Pfarrer, er arbeitete auch als Religionslehrer im Aargau. «Dieses Amt durfte ich behalten. Hänggi wollte mich nicht verlieren.» Später verliess er die Kirche aus eigenen Stücken, arbeitete in Kolumbien – und wurde im Alter von 55 Jahren sogar in den Dienst der Kirche zurückbeordert. «Die Kirche hat mich regelrecht dazu gedrängt, Gemeindeleiter der Stadt Luzern zu werden.»

Ganz so wird es für Köhle nicht ablaufen, das zeichnet sich bereits jetzt ab. Die Reaktion von Bischof Vitus Huonder dürfte wesentlich frostiger ausgefallen sein, als jene damals von Hänggi. So zumindest liest sich die wenig später veröffentlichte Medienmitteilung: Der Bischof von Chur habe «mit sofortiger Wirkung» die Demission angenommen. In der Folge hat der Bischof zu einem Gespräch eingeladen. «Aufgrund persönlicher Umstände, die das Bistum nicht kommentiert, kann Marcel Köhle unter den gegebenen Umständen nicht länger als Priester wirken.» Über eine weitere Anstellung verliert Huonder kein Wort.

Das handhabt Basel, das mit Hansjörg Vogel 1995 gar einen Bischof hatte, der Vater wurde, auch heute noch anders. «Wir verurteilen niemanden, das Leben ist so. Unsere Aufgabe ist es, den Betroffenen zu helfen und sie zu unterstützen», lässt der Sprecher des Bistums Basel, Hansruedi Huber, verlauten. In den vergangenen Jahren sei es etwa vier oder fünfmal vorgefallen, dass ein Priester der Liebe wegen seinen Dienst quittierte.

«Wir haben grösstes Interesse, fähige Leute zu behalten und in einer anderen Funktion zu beschäftigen – wie jede Organisation», sagt Huber. Das Zölibat für den Priester muss zwar der Vatikan aufheben, danach firmieren die Männer etwas despektierlich unter Laientheologen. Doch als solche dürfen sie wesentliche Aufgaben innerhalb der Kirche wahrnehmen, zum Beispiel als Pastoralassistenten.

Einen solchen Fall etwa kennt Huber auch aktuell im Bistum Basel. Es brauche Mitgefühl mit diesen Männern, die manchmal einen langen und schmerzvollen Prozess hinter sich bringen müssen «und froh sind, wenn sie es endlich sagen können.»

Das Bistum Basel gilt innerhalb der Schweiz gemeinsam mit jenem von St. Gallen und im Unterschied zu jenem von Chur als ziemlich liberal. Huber scheut sich nicht vor Kritik am Zölibat. «Entscheidend ist der Lebensstil, nicht die Lebensform. Theologisch gesehen, braucht es das Zölibat nicht.» Es sei eine Tradition, die es über lange Zeit auch in der katholischen Kirche nicht gegeben hat. Und: «Bei einer Änderung der Zulassungsbestimmungen zur Priesterweihe müsste auch das Thema der Frauenordination behandelt werden.»

Kein «Asyl» für Köhle

Dem frommen Liberalismus zum Trotz: Auch die Solidarität des Bistums Basel mit verliebten Gottesmännern hat Grenzen. Meist treten diese dann zutage, wenn das Bistum Basel Gefahr läuft, in einen fremden Garten zu treten. So machte die «Schweiz am Wochenende» vom vergangenen Samstag den Fall eines Mönchs aus dem Kloster Mariastein publik, der sich in eine Sakristanin verliebt hatte. Gegenüber der Zeitung erhob der Mann Vorwürfe, auch an die Adresse des Bistums Basel: «Die katholische Kirche hat sich in unserem Fall nicht darum bemüht, uns zu behalten.»

Es handle sich um einen speziellen Fall, gibt Huber zu Bedenken.«Es handelt sich nicht um einen Weltpriester, er unterliegt den Normen des Ordens.» Eine rasche, unkomplizierte Lösung innerhalb der Kirche gab es deshalb nicht, weil der Benediktinerorden in einem solchen Fall das Sagen hat. Obwohl Basel grossen Bedarf an Personal hätte. Ähnliches gilt für Köhle. Sollte Huonder dessen Weiterbeschäftigung verunmöglichen, stünden auch die Türen zum Bistum Basel zu. «Es gibt eine unheilvolle Abmachung zwischen den Bischöfen, dass das jeweilige Bistum für seine Priester schauen muss», weiss Vettiger. Huber bestätigt das, «auch wenn es für alles natürlich Ausnahmen gibt».