Viele erinnern sich gerne an fröhliche Fernsehmomente im vergangenen Jahrhundert, als Jim Knopf in der Lokomotive in der Augsburger Puppenkiste durchs Kinderprogramm tuckerte. Seither ist viel Wasser den Rhein runtergeflossen. An seinen Ufern befindet sich in einem ehemaligen Zehntenkeller das Basler Marionettentheater. Ist so ein Theater im Zeitalter der schnellen Filmschnitte und des 3D-Kinos noch zeitgemäss?

«Selbstverständlich», lacht Markus Blättler, der künstlerische Leiter, der mit Dani Jansen das Theater führt. «Wenn Sie von 3D sprechen: Diese Figuren sind eben wirklich dreidimensional, nicht nur in der Illusion. Und die Marionetten entwickeln eine Magie, die schwer zu erklären ist. Schauen Sie mal zu, wenn ein Marionettenspieler auf der Strasse sein Spiel beginnt: Die Leute bleiben wie angewurzelt stehen, auch Erwachsene.»

Wie etwas Unbewegtes plötzlich zum Leben erwacht, fasziniert, ebenso, dass das Ensemble nicht sich, sondern Marionetten ins Rampenlicht stellt. Im Basler Marionettentheater sind fast die Hälfte der Stücke für ein erwachsenes Publikum konzipiert. Wozu sollte ein Erwachsener sich in dieser reichen Theaterlandschaft ausgerechnet ein Figurenstück anschauen? «Die Stücke berühren auf eine besondere Art. Es geht, wie soll ich sagen, alles eine Schicht tiefer», sagt Blättler.

Viele sind langjährige Stammgäste

Tiefer liegt der schöne Gewölbekeller allemal. 29 Treppenstufen muss man unter der Allgemeinen Lesegesellschaft am Münsterplatz hinabsteigen, um in die Welt der Figuren einzutauchen. An der Bar vorbei, kommt man in einen kleinen Raum, der Werkstatt und Büro zu sein scheint. An den Wänden hängen Probepläne, Werkzeug und Marionetten.

In schwarze Samtroben gekleidet sitzen sieben Mitglieder des Ensembles und der Tonmeister um einen Tisch.

Die Regisseurin Nicole Rutschmann gibt letzte Anweisungen. Zum Marionettentheater gestossen ist sie über ihre Mutter Verena Rutschmann, langjähriges Ensemblemitglied. Im Jubiläumsstück spielt diese zum Beispiel den Petrus und den Pinocchio. Einmal gepackt, scheint man von diesem Theater nicht so schnell wieder loszukommen. So sind denn auch viele Zuschauer Stammgäste seit Generationen. Das Weihnachtsstück «Tryptichon» etwa wurde seit 1945 insgesamt 375 Mal aufgeführt, und wenn ein Schaf an einer anderen Stelle steht, wird das von Zuschauern schon mal bemerkt.

Im Jubiläumsstück «Szenensprünge» reist die lustige Figur Hans Wurst dank einem Zauberspruch durch Szenen aus verschiedensten Stücken, wir erleben eine Rückblende durch die letzten 75 Jahre Theatergeschichte. Mal landet er bei Kalif Storch, mal bei Mozart persönlich, mal beim kleinen Prinzen.

In Kriegszeiten gegründet

Dass das Jubiläumsstück mit Dr. Faust beginnt, macht Sinn. Schliesslich wurde das Theater wegen Dr. Faust gegründet: Im Jahr 1919 verfolgte der 15-jährige Ricco Koelner im Basler Stadtcasino mit pochendem Herzen ein Gastspiel: Das Münchner Marionettentheater führte «Dr. Faust» auf. Der Teenager war so beeindruckt, dass er im Garten seines Bottminger Elternhauses begann, aus dicken Ästen Figuren zu schnitzen. Sechs Jahre später führte er in einem Vereinssaal am Nadelberg seine erste eigene Dr.-Faust-Inszenierung auf. Die Begeisterung der Zuschauer motivierte ihn, neue Figuren zu gestalten und sich mit Menschen zu umgeben, die sein Interesse teilten.

Mitten in den dunklen Zeiten des Zweiten Weltkriegs gründete er zusammen mit seiner Frau Käthi 1943 ein Spieler- und Sprecherensemble. Am 27. März 1944 führten sie in der Kunsthalle das Puppenspiel von Dr. Faust auf. Es folgten über 40 Jahre im Dienste einer Passion, die Koelner als «besonders bereichernde Beschäftigung» bezeichnete.

Tatsächlich aber war es mehr als das: Hingabe, sehr viel Arbeit und ein ausserordentliches Talent. Da sich das Theater zu jener Zeit zwar «lohnte aber nicht rentierte» verdiente Koelner den Lebensunterhalt für seine Familie zeitlebens als Kaufmann der Stofffirma Spira.

Ausdrucksstark und poetisch

Jede freie Minute floss aber ins Theater. Wer sich näher mit den Figuren des Autodidakten beschäftigt, bemerkt: Da war ein Künstler am Werk. Sie sind nicht nur ausdrucksstark und poetisch, sondern auch witzig in einem für jene Zeit avantgardistischen Stil. Wer sich in der aktuellen Jubiläumsausstellung im Historischen Museum die Figur des lüsternen Don Eugenio anschauen kann, sollte das tun. Die meisten der über 800 Figuren werden allerdings im Archiv des Theaters selber gelagert.Dass sich unter den Figuren nicht nur Marionetten, sondern auch Tischfiguren befinden, liegt an Koelners Nachfolger Wolfgang Burn, der das Theater ab 1984 leitete. Veränderungen gehören zur Geschichte: Ab 1956 konnte das vorher mobile Ensemble den Zehntenkeller als eigenes Theater nutzen und sich den Aufwand eines Orchesters sparen, da Musik und Sprecher ab Tonband abgespielt wurden. Das ermöglicht heute, die älteren Stücke wieder lebendig werden zu lassen.

In der aktuellen Jubiläumsproduktion «Szenensprünge» sind elf verschiedene Spielarten zu sehen. Dass das Stück nicht bloss in die Breite, sondern auch in die Tiefe geht, liegt an der Auswahl der Szenen. Da kommt auch ein verzweifelter Peter vor, der darüber nachdenkt, dass er mit einem Herzen aus Stein nicht nur keine Schmerzen, sondern auch keine Freude spüren könnte.

So existenziell berühren einzelne Momente dieser Zeitreise. Und während man der eigens für das Jubiläumsstück komponierten Zaubermusik lauscht (Thomas Gass), erhält man eine Ahnung davon, was Blättler damit meinen könnte, dass diese Art von Theater besonders tiefe Schichten der Seele erreicht.

Die Jubiläumsschau «Szenensprünge» ist noch bis zum 19. Mai im Marionettentheater zu sehen. Die Ausstellung im Historischen Museum läuft bis zum 18. August. Infos: www.bmtheater.ch