Literaturhaus Basel

Das abenteuerliche Leben der Anne Beaumanoir

Die Autorin Anna Weber.

Die Autorin Anna Weber.

Das Literaturhaus Basel setzt in der Pandemie auf Onlineformate. Unter vielen anderen ist auch die deutsche Schriftstellerin Anne Weber mit ihrem neusten Buch zu Gast. Ein grosser Wurf!

Punkte zu verteilen ist gewöhnlich Sache des Sportes, nicht der Kunst. Bei «Annette, ein Heldinnenepos» von Anne Weber muss aber eine Ausnahme gemacht werden. Dieses Buch: 12 von 10 Punkten. Es sprengt deswegen den Rahmen des Bewertbaren, weil es die Qualitäten verschiedenster Genres auf eine Art und Weise verbindet, die im gleichen Moment verblüffend originell wie unmittelbar einleuchtend sind. Es ist Biografie und Philosophie in einem, verpackt in die Form eines poetischen Heldinnenepos.

Die Autorin Anne Weber lebt als Schriftstellerin und Übersetzerin in Paris. Ihre Werke wurden unter anderem mit dem Heimito von Doderer-Literaturpreis und dem 3sat-Preis ausgezeichnet.

Der Stoff allein, das Leben der mittlerweile 96-jährigen Französin Anne Beaumanoir, , genannt Annette, ist so spannend, dass man das Buch nicht aus der Hand legen möchte.

Als Teenager riskiert sie ihr Leben, um ein jüdisches Geschwisterpaar zu retten, opfert als kommunistische Widerstandskämpferin ihre grosse Liebe für den Glauben an eine gerechte Gesellschaft. Jahre danach wird die Ärztin und Mutter wegen ihrer Beteiligung für die algerische Unabhängigkeitsbewegung in Frankreich zu zehn Jahren Haft verurteilt, sie flieht nach Tunesien, um sich später am Aufbau des algerischen Gesundheitssystems zu beteiligen.

Die Odyssee einer revolutionären Zeitgenossin

Ist man auf den ersten fünf Seiten über die kunstvolle Versform, die Anne Weber gewählt hat, um diese Lebensgeschichte zu erzählen, vielleicht noch etwas irritiert, leuchtet sie einem sehr bald nicht nur ein, sondern nimmt einen restlos für sich ein. Es ist, wie bei Homer, dessen Epen hier als Vorbild dienen, die Mündlichkeit des Berichtens, kombiniert mit einer Poesie des Konkreten. Und so spannend wie die Odyssee ist es allemal.

Dass Weber von allen antiken Heldinnen und Helden ausgerechnet den Odysseus zitiert, passt nicht nur wegen der häufigen Heimatlosigkeit und des ständigen Unterwegsseins einer politischen Aktivistin, sondern insbesondere wegen Beaumanoirs Klugheit, die dem «listenreichen Odysseus» in nichts nachsteht.

Ihre wache Aufmerksamkeit bewahrt nicht nur sie, sondern oft auch andere immer wieder vor Gefahr und Tod. Zu dieser Klugheit kommt bei Annette eine so ausgeprägte Kombination von Mut und Nächstenliebe hinzu, dass man gemeinsam mit der Autorin, als sie Beaumanoir zum ersten Mal traf, denkt «Dich gibt es, dich gibt es wirklich?»

Muss eine Revolution zwingend ihre Kinder fressen?

Die Nähe der Autorin zu ihrer Protagonistin zeigt sich immer wieder durch zärtliche Details. Und doch wird die politische Dimension eines Widerstands, der sich ja nicht in einem gewaltfreien Umfeld abgespielt hat, nicht idealisiert. Vielmehr werden diese Dilemmata auf eine Art und Weise thematisiert, die verschiedene Antworten ermöglichen.

Die Haltung Webers ist dabei eine aufrichtig fragende. In welchem Verhältnis stehen das Prinzip und der Einzelfall? Ist Gewalt für das Gute legitim? Und immer wieder: Heiligt der Zweck die Mittel? Welcher Zweck, welche Mittel? Muss eine Revolution zwingend ihre Kinder fressen?

Wer bis anhin gedacht hat, dieser Satz stamme ursprünglich von Georg Büchner, wird nebenbei erfahren, dass dieser dabei den französischen Revolutionär Pierre Vergniaud zitierte.
Das Buch ist nicht nur voller Spannung, es ist auch voller Bildung, und dies, ohne im geringsten eingebildet zu sein. Im Gegenteil, so raffiniert seine Auseinandersetzung mit Sprache ist, so leicht kommt es daher. So tiefgründig seine Fragen sind, so witzig ist es auch immer wieder.

Am Ende weiss man nicht so recht ob man sich jetzt in den Charakter dieser Anne Beaumanoir, verliebt hat, die einem unweigerlich vor die Frage stellt, ob man im eigenen Leben eigentlich politisch genug handelt, oder in die Art und Weise, wie dieser Charakter in Literatur verwandelt wird. Vermutlich in beides. So oder so: 12 von 10 Punkten. Lesen Sie dieses Buch.

Buch: «Annette, ein Heldinnenepos», Matthes & Seitz Berlin.
Literaturhaus online: Dienstag, 19. Januar, 19 Uhr.
www.literaturhaus-­basel.ch

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