Herr Battegay worüber sprechen wir heute?

Über Tradition. Ein sehr spannender Begriff! Man kann nur in die Welt hinausgehen, wenn man einen sicheren Hafen hat. Man muss wissen, woher man kommt und wo man ist. Nur dann weiss man auch, wo man hingeht. Tradition sollte nie Selbstzweck sein oder abgekoppelt vom Kontext stehen. Sie muss sowohl im Persönlichen, als auch in der Gemeinschaft zukunftsorientiert sein. Aber es ist wichtig, Wurzeln zu haben, eine Heimat. In allem Neuen ist auch Beständigkeit.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Heimat ist für mich nicht zwingend an einen Ort gebunden. Heimat ist das, wozu ein enger Bezug besteht: Die Familie, Freunde oder auch die Arbeit und natürlich wo wir aufgewachsen sind, wo wir leben. Heimat heisst auch Vertrauen.

Sowohl die Medizin, als auch das Judentum haben eine Jahrtausende alte Tradition.

Es gab schon immer die Tradition der Wissenschaft und Neugierde. Im jüdischen Leben sind Traditionen wichtig. Sie ziehen sich durch das ganze Leben. Es gibt viele Hinweise und durchaus moderne, biblische Gesetze, wie das Leben konkret gestaltet werden könnte oder sollte. Diese stammen aus der Thora und Gesetzesüberlieferungen mit sehr dialektischen Diskussionen.

Würden Traditionen und jüdisches Leben nicht einen Einfluss auf das tägliche Leben haben, würde das Judentum verloren gehen. Gerade deshalb muss sich auch die jüdische Tradition ständig der Moderne stellen. Wichtiger als Traditionen sind im Judentum aus meiner Sicht das tradierte «Do it yourself der Religion», wie ich es nenne. Begonnen mit der eigenen Verantwortung steht das Konzept in engem Zusammenhang mit dem Respekt vor anderen Menschen. So ist etwa im Judentum auch die Mission nicht erlaubt.

Wie sieht es in der Israelitischen Gemeinde Basel mit Traditionen aus?

Die IGB ist eine kleine Gemeinschaft. Ich erlebe sie als sehr divers in Bezug auf dieAusrichtung im Judentum und sehr offen zur Arbeitswelt, dem Freundes- und Bekanntenkreis. Es ist vielen ein grosses Anliegen, jüdische Werte innerhalb der Familie weiterzugegeben. Das hat mit Traditionen oder besser, der jüdischen Art, zu leben, zu tun.

Im Hebräischen gibt es kein Wort für «Glauben», sondern es ist die «Treue»: «Emunah». Das Judentum existiert seit Jahrtausenden im Spannungsfeld zwischen orthodoxen, liberalen und traditionellen Positionen innerhalb der Gemeinschaft. Wir sind in einem spannenden innerjüdischen Dialog und ebenso in einem Dialog mit nichtjüdischen Gemeinschaften.

Was erhoffen Sie sich von diesem Austausch?

Ich finde es schade, wenn nur Menschen zusammen diskutieren, die sowieso die selbe Meinung haben. Es ist wichtig und zeitgemäss, im Austausch zu stehen, voneinander zu lernen und sich zu inspirieren. Manchmal ist es wichtig, sich etwas zurückzunehmen und mit etwas Abstand gesellschaftliche Tendenzen anzuschauen, bei denen es nötig ist, sie aus einem anderen Blickwinkel anzuschauen. Wir können die Probleme nicht mehr nur aus einem Blickwinkel heraus lösen.

Haben Sie eine Lieblingstradition?

Eine hervorstechende Lieblingstradition habe ich nicht. In unserer Familie bringen wir uns gerne ein. Wir haben viele Familienmitglieder, die sich gesellschaftlich einbringen, darunter Ärzte und Lehrerinnen.

Auf welche Tradition sollte ihrer Meinung nach verzichtet werden?

Jeder muss für sich selbst Traditionen hinterfragen und entscheiden, ob sie beibehalten werden sollten. Am meisten stört mich, dass wir immer noch ein sehr einseitiges Frauenbild haben. In meiner Klinik sind gleich viele Frauen wie Männer in leitenden Positionen, auch Professorinnen. Es gibt einige Traditionen, die mehr als nur zu hinterfragen sind. Dann gibt es Wertediskussionen, die am Ziel vorbeiführen und nicht ehrlich sind.

Auf welche Werte spielen Sie an?

Zum Beispiel, dass die Verantwortung nicht mehr bei einem selbst gesucht wird. Es ist schon fast zu einer «Tradition» geworden, dass immer die anderen schuld sind. «Empört sein» ist zur Mode geworden. Es ist besser, sich zu fragen, wo man selbst einen Beitrag leisten kann. Auch wenn er noch so klein ist. Viele kleine Beiträge führen schneller zu Veränderungen, als man meint.

Wie wollen Sie als Präsident der IGB Einfluss nehmen?

Als neuer Präsident ist es mir und dem gesamten Vorstand ein Anliegen, die Gemeinde sowohl strukturell als auch finanziell wieder gut aufzustellen. Das ist die Basis für ein inspirierendes jüdisches Gemeindeleben. Damit verbunden ist auch das Ziel, die Einheitsgemeinde miteinander gestalten zu können. Sprich, alle Strömungen des jüdischen Glaubens unter einem Dach zu vereinen. So können die einzelnen Ausrichtungen noch mehr voneinander lernen und vom Austausch profitieren.