Ausstellung

Blankopässe für Tausende Verfolgte im zweiten Weltkrieg

Zwischen Humanität und Profit: Das Jüdische Museum Basel thematisiert eine bislang unbekannte Schweizer Rettungsaktion.

«Wie gern hätte ich einen Pass für Uruguay, einen für Costa Rica, einen für Paraguay», heisst es in einem Lied, das ein junger jüdischer Autor 1942 im Warschauer Ghetto verfasst hat. Sein Wunsch nach solchen Dokumenten hatte einen realen Hintergrund: Ein weit verzweigtes Helfernetzwerk vermittelte lateinamerikanische Papiere an Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich, aus Osteuropa und anderen von den Nazis besetzten Ländern. Den Verfolgten wurden gegen Geld falsche Pässe und Visa beschafft – und das in grossem Stil. Die Hauptrolle spielten Diplomaten, jüdische Organisationen und unbekannte Helferinnen und Helfer in der Schweiz. Die Aktion rettete Tausenden das Leben.

Das Jüdische Museum der Schweiz stellt jetzt erstmals eindrückliche Dokumente dieser vielfach verzweigten Unterstützungsaktion aus; sie stammen aus staatlichen und privaten Archiven. Museumsleiterin Naomi Lubrich sagt, Sie habe von diesen Aktionen erst Anfang dieses Jahres erfahren, als sie von einem Überlebenden die Geschichte seiner Rettung hörte. Ihr Team wurde darauf bei der polnischen Botschaft, im Bundesarchiv und im ETH-Archiv für Zeitgeschichte vorstellig. Auch konnten weitere Nachfahren von Überlebenden ausfindig gemacht werden.

Flucht in die USA, nach Palästina und Lateinamerika

Als ab 1938 viele Länder die Grenzen für verfolgte Juden schlossen, konnten diese ohne besondere Dokumente kaum mehr ausreisen. Da setzte die Hilfsaktion in der Schweiz ein. Akteure waren Diplomaten in Bern, allen voran Vertreter der Botschaft der Exilregierung Polens und das Honorarkonsulat von Paraguay. Sein Büro sei ab 1938 von Juden «förmlich bestürmt» worden, die Angehörige retten wollten, schrieb dessen Leiter Rudolf Hügli. Gegen Bezahlung stellte er Hunderte von Blankopässen aus, mit denen Verfolgte in die USA, nach Palästina und Lateinamerika reisten – meist auf Umwegen, etwa über die Sowjetunion und Japan.

Während der Rettungsmission zirkulierten unter den Helfern Listen und Fotos von Tausenden von Menschen, darunter vielen Jüdinnen und Juden aus polnischen Ghettos, deren Leben ernsthaft bedroht war. Unterstützt wurde die Aktion von einer unbekannten Zahl von Geldgebern und Helfern, die Papiere über Deckadressen und Kurierdienste vermittelten oder Rechtsdienste anboten. In der Flüchtlingshilfe aktiv war in Basel etwa der Anwalt und Notar Marcus Cohn, Vater des Filmproduzenten Arthur Cohn.

Doch die Sache flog auf. Hügli wurde überwacht und von seinem Vorgesetzten wegen unrechtmässiger Gebühren denunziert. Er hatte für einen Pass 500 Franken verlangt, andere nahmen weit mehr. Bei Wohnungsdurchsuchungen in Genf, Lausanne, Montreux und Zürich fiel der Polizei 1943 einschlägiges Material wie Briefe und Passfotos in die Hände. Die Beamten wollten wissen, ob Flüchtlinge mit ausländischen Pässen illegal eingereist seien. Bundesrat und Aussenminister Marcel Pilet-Golaz stoppte schliesslich den Passhandel – mitten im Zweiten Weltkrieg befand sich die Schweiz in einer heiklen Lage. Man wollte sich mit den Nazis nicht anlegen und die ganze Geschichte unter dem Deckel halten.

Die Themen Flucht, Vertreibung und Migration bleiben aktuell

Etwas Licht in das Dunkel zu bringen, vermag fürs Erste die anschaulich inszenierte Ausstellung. Nach Schätzungen konnte die Unterstützungsaktion 8000 bis 10'000 Menschen helfen, von einem Drittel werden die Namen und Schicksale aufgelistet. «Viele Fragen lassen sich heute noch nicht beantworten», sagt Lubrich. Umso wichtiger sei nun, die Hilfsaktion wissenschaftlich aufzuarbeiten, zumal die Themen Flucht, Vertreibung und Migration nach wie vor aktuell seien.

«Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen», schrieb Bertolt Brecht in seinen «Flüchtlingsgesprächen» sarkastisch. Für viele kam die Rettungsaktion zu spät, und trotz neuen Pässen und Unterstützung aus der Schweiz gelang es ihnen nicht, der Deportation und Ermordung in einem Vernichtungslager der Nationalsozialisten zu entkommen. So zeigt die Ausstellung beschlagnahmte Bögen, auf denen Dutzende von Porträtfotos von Juden und Jüdinnen aus Polen aufgeklebt waren, darunter Kleinkinder und ganze Familien. Die bestellten Pässe kamen nicht mehr an. Diese Menschen haben den Holocaust wahrscheinlich nicht überlebt.

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