Basler Staatsanwalt
Alberto Fabbri: «Kriminaltouristen sind unsere Hauptkunden»

Die Kriminalstatistik vom vergangenen Jahr zeigt, dass Gewalt- und Vermögensdelikte abgenommen haben. Auch gab es 10 Prozent weniger Anzeigen als im Vorjahr. Der Basler Staatsanwalt Alberto Fabbri gibt darüber Auskunft.

Moritz Kaufmann
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Alberto Fabbri ist Basler Staatsanwalt. (Archiv)

Alberto Fabbri ist Basler Staatsanwalt. (Archiv)

Martin Töngi

Herr Fabbri, letztes Jahr gingen bei ihnen 10 Prozent weniger Anzeigen ein als im Jahr zuvor. Kann man von einer Trendwende sprechen?

Alberto Fabbri: Das wäre zu früh. Lassen Sie uns sicher das nächste Jahr abwarten. Wenn dann die Zahlen wieder nach unten zeigen, können wir vielleicht vom Beginn einer Trendwende sprechen. Da aber in anderen Kantonen die Kriminalität zunimmt, bin ich mit solchen Aussagen vorsichtig.

Ihr Hauptfeind ist der Kriminaltourist. Richtig?

Ich spreche nicht von «Hauptfeind», sondern von der «Hauptkundschaft». Es ist richtig, dass Leute, die keinen festen Wohnsitz in der Schweiz haben, unsere Hauptkunden sind. Das sind Leute, die in ganz Europa herumreisen, um sich auf diese Art und Weise illegal zu bereichern.

Woher kommen diese Menschen?

Einige kommen von weit her: Georgien, Kasachstan oder der Mongolei. Das sind aber zurzeit eher Ausnahmen. Der Grossteil kommt nach wie vor aus Osteuropa. Aber auch aus Frankreich.

Bei den Einbrüchen ist ein Minus von 21 Prozent zu gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen. Haben Sie Massnahmen ergriffen?

Unsere Massnahmen greifen insofern, als dass wir konsequent und sofort alle Spuren sichern. Dadurch können wir schneller Verbindungen zu anderen begangenen Straftaten herstellen. Das ist sehr wichtig. Die Erfahrung zeigt nämlich, dass nicht erster Linie die Höhe einer Strafe auf einen Täter abschreckend wirkt, sondern, wie schnell man einen Täter festnehmen kann und dieser die Konsequenzen für sein Tun spürt.

Weshalb ist das so?

Wir haben festgestellt, dass es für einen Täter weniger wichtig ist, ob er jetzt für zwei oder für vier Jahre ins Gefängnis kommt. Das ist für ihn sehr abstrakt. Wenn er aber erwischt wird, wenn er in U-Haft muss und mit seinen Taten konfrontiert wird, dann wirkt das auf die Person. Die kriminellen Gruppierungen sprechen ja miteinander.

Sind diese gut vernetzt?

Sehr gut. Diese Gruppen sprechen miteinander wie Sie und ich. Auf diese Weise spricht sich herum, dass die Schweiz kein lohnendes Ziel ist.

Die Strafverfolgung ist das eine. Aber werden denn auch die Richter strenger? Kriminaltouristen lassen sich ja nicht von einer bedingten Geldstrafe abschrecken?

2009 kündeten die Basler Strafrichter mehr Härte gegenüber Gewalttätern an. Das ist eingetreten. Was die bedingten Geldstrafen angeht: Hier muss sich der Gesetzgeber fragen, ob der gewünschte Effekt eingetreten ist. Tendenziell würde ich sagen: Nein.

Sie hätten wünschen sich einen besseren Austausch mit den Behörden im Ausland, richtig?

Es wäre für uns sehr wichtig zu wissen, ob ein festgenommener Tatverdächtiger bereits in Wien oder Baden-Würtemberg auffällig wurde. Bereits tauschen einige europäische Länder DNA-Profile von Tätern gestützt auf den Vertrag von Prüm aus. Hätten wir darauf Zugriff, wäre das ein wichtiges Werkzeug für die Ermittler. Ob die Schweiz aber Anstrengungen unternimmt, um diesem Vertrag beizutreten, entzieht sich meiner Kenntnis. Der Beitritt zum Vertrag von Prüm würde eine signifikante Verbesserung bei der transnationalen Ermittlung von Straftaten bedeuten. Für Grenz- und Stadtkantone stellt dies ein wichtiges Puzzleteil für eine noch effizientere Strafverfolgung dar.

Wie ist ihre Prognose: Wird der Kriminaltourismus weiter hoch bleiben?

Das ist sehr schwer zu beurteilen. Was man sagen kann: Die Mobilität in Europa wird hoch bleiben, das Wohlstandsgefälle zwischen den Ländern auch, somit werden wir uns weiterhin dieser Herausforderung stellen müssen.

Man hörte immer wieder, dass die Staatsanwaltschaft überlastet sei. Wie sieht es aus bei Ihnen?

Wir haben drei befristet angestellte Staatsanwältinnen und sechs zusätzliche Kriminalisten erhalten. Derzeit läuft eine externe Studie, die abklärt, ob und wie hoch unser Personalbedarf ist. Ende Jahr sollten die Ergebnisse vorliegen. Dann wird die Lage neu beurteilt.