Den vier Häusern am Steinengraben sieht man schon von Weitem an, dass sie in ihrer Zeit stehen geblieben sind. Ringsum türmen sich moderne Büros. Nur sie trotzen seit mehr als 140 Jahren dem Wandel.

Ihr Widerstand endete in einer brachialen Party. In einem mehrtägigen Happening, das sich zu einem kleinen Festival ausweitete, nahmen die Bewohner mit hunderten Besuchern Abschied von ihren Häusern am Steinen-graben. Im Eingangsflur hängt das Programm: ein Restaurant, Yoga- und Boxtraining, ein Tattoostudio, einen Coiffeur, diverse Konzerte und natürlich DJs haben die Bewohner in den vergangenen Tagen allen geboten, die sich in trashiger Endzeitstimmung suhlen wollten.

Der letzte Sargnagel vor dem Abriss

Treppengeländer fehlen, sie wurden gemeinsam mit Türen im Garten feuerbestattet. Kachelofen und Stuckaturen erinnern an reiche Bürgerfamilien, herumliegende Reclamhefte und Transparente an spätere Bewohner. Auf dem Fenstersims brennt eine kleine Grabkerze.

Am Freitag zogen die Bauarbeiter mit gelben Schaltafeln unter den Armen auf. Sie verriegelten alle Eingänge und trieben den Sargnagel in die Häuser am Steinengraben. Die Versicherung der Helvetia hatte bereits im Vorfeld angekündigt, schnell zu handeln. Mit gutem Grund. Die einstigen Herrenhäuser sind in den vergangenen Jahren zu einem Symbol der Basler Wohnungsknappheit aufgestiegen. Die Gefahr einer Besetzung schien gross. Die Bewohner haben bis zum Bundesgericht um ihren günstigen Wohnraum gestritten, Demonstrationen ausgerichtet, Pamphlete verfasst und die Politik bewegt.

Wandel in der Wohnpolitik

Der Streit um den Steinengraben fällt genau in eine Zeit, in der sich die öffentliche Wahrnehmung von Wohnungsknappheit stark verändert hat. Im Dezember 2014 kündigte Helvetia an, den Platz für einen neuen Büro- und Wohnkomplex zu brauchen. Die etwa zwanzig Mieter – vor allem Studenten und junge Familien – erhoben dagegen Einsprache. Sie machten geltend, dass es sich um schützenswerte Bauten handelte. In den früheren Daig-Villen soll sogar der berühmte Mathematiker Jakob Bernoulli gehaust haben.

Die Studenten spannten sogar einen Professor ein, der sich für eine 100-jährige Eibe im Garten stark machte. Die lokalen Medien juckte das damals wenig. Wohnungsknappheit hatte noch nicht den politischen Stellenwert, den das Thema heute hat: Im März 2015 lehnte das Basler Stimmvolk die SP-Initiative «Wohnen für alle» deutlich ab. Sie hatte nach Zürcher Vorbild eine staatlich alimentierte Stiftung gefordert, die sich für gemeinnütziges Wohnen einsetzen sollte. Rund drei Jahre später schrieben die Baslerinnen und Basler ein unausformuliertes Recht auf Wohnen in die Verfassung.

Der langwierige Gang durch die Instanzen

Für Helvetia begann 2015 ein Gang durch die Instanzen gegen die Bewohnerschaft der Steinengraben-Häuser. Er endete erst im vergangenen Oktober mit einem Entscheid des Bundesgerichts: Es erlaubte den Abriss der Häuserzeile. In der Zwischenzeit sind in den lokalen Medien dutzende Berichte erschienen, auch das «SRF» und die «Wochenzeitung» befassten sich mit den alten Häusern. Krawallanten aus der halben Schweiz nahmen den Konflikt mit Helvetia zum Anlass, die Scheiben der Versicherung einzuschlagen: Das war der Saubannerzug, für den unlängst 15 Personen verurteilt worden sind.

Die Bewohner hingegen unterhielten eine Website, welche Geschichte und aktuelle Entwicklungen dokumentierte. Den wichtigsten Erfolg konnten die Mieter auf politischem Weg verbuchen: Die Regierung änderte die Berechnungsgrundlage für Neubauten. Die Helvetia hatte Liftschacht und Parkplätze als Wohnraum angegeben, die Steinengraben-Bewohner dagegen protestiert. Eine gemeinsame Motion von Mieterverband und Hauseigentümerverband führte die Änderung im Grossen Rat herbei: Die Regelung ist seit einem Jahr rechtskräftig.

Auf den Entscheid um die Steinen-graben-Häuser hatte sie keinen Einfluss. Obwohl sie selbst einen Anteil daran hatten: Die Veränderungen in der Basler Wohnpolitik kamen für die Häuser schliesslich zu spät.