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Die Basler Fasnacht soll im Frühling stattfinden. Punkt.

Traditionalisten sperren sich gegen die ausnahmsweise Verschiebung der Basler Fasnacht um ein paar Wochen. Sie sollten nun aber über ihren Schatten springen.

Andreas W. Schmid
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Vor 102 Jahren grassierte in Basel ebenfalls eine Pandemie, die Spanische Grippe. Weshalb die Basler Regierung fand, dass die Fasnacht am ursprüng­lichen Datum nicht stattfinden könne. Sie zeigte sich aber flexibel und setzte sie einen Monat später neu an. Sehr zur Freude der Fasnächtler, die in den Jahren zuvor wegen des Ersten Weltkrieges auf die «scheenste drey Dääg» hatten verzichten müssen. Schon damals gab es allerdings Einheimische, die sich laut dem «Basler Jahrbuch» am Datum störten: «Weite Kreise der Bevölkerung tadeln es, dass in der Vorwoche der Passionstage so laute und zerstreuende Vergnügen veranstaltet ­werden.»

Nun sind wir wieder am selben Punkt. Die Fasnacht am 7. März kann wegen Corona nicht wie vorgesehen stattfinden, der Cortège jedenfalls ist bereits abgesagt. Und gewisse Kreise der Bevölkerung tadeln die bestechende Idee, die Fasnacht um ein paar Wochen auf den Mai oder Juni zu verschieben, genau wie damals. Allerdings schon im Vornherein und nicht, weil zu viel lautes und zerstreuendes Vergnügen zu erwarten sei, sondern weil die Fasnacht normalerweise den Winter austreibe und sie auch dazu da sei, vor den Fasten­tagen nochmals die Sau rauszulassen. Felix Rudolf von Rohr, der ehemalige Obmann des Fasnachts-Comités, liess deshalb letzte Woche im «Talk» auf Telebasel nicht mit sich diskutieren: «Die Fasnacht findet am Montag nach dem Aschermittwoch statt und dauert 72 Stunden. Punkt.»

Omikron statt den Winter austreiben

Die Tradition in Ehren – ich finde aber, dieser ab- und alles ausschliessende Punkt ist eindeutig zu früh gesetzt. Heisst es nicht immer, die Basler Fasnacht besteche vor allem durch Ideenreichtum? Nun könnte man zeigen, wie kreativ man ist. Statt dass der Winter ausgetrieben wird, treibt man an der Fasnacht 2022 irgendwann im Frühjahr halt Omikron aus. Und gefastet wird heute das ganze Jahr, nicht mehr nur vor Ostern. Dafür braucht es die Fasnacht nicht mehr. Hingegen braucht es sie wieder einmal in ihrer ganzen Pracht, gerade für die Kinder und Jugendlichen.

Als ehemaliger Fasnächtler weiss ich, wie sehr der Morgestraich, der Cortège und das Gässle an den drei Tagen dafür entschädigen, dass man das ganze Jahr über geübt hat. Auch als Passiv­fasnächtler am Strassenrand finde ich die Fasnacht immer noch eine grossartige Sache, doch grösser als damals, als man als Binggis oder in der Jungen Garde trommelte oder pfiff, war ihr Zauber nie mehr. Schon aus Solidarität zum Nachwuchs, dem man alles notgedrungen verbietet, was uns früher so wichtig war – Fasnacht, Skilager, Abschlussreisen, Konzerte und vieles mehr – sollten die Traditionalisten über ihren Schatten springen.

Auch die Fasnacht hat sich verändert

Alles unterliegt einem stetigen Wandel. Auch die Basler Fasnacht. Zeitweise gab es zwei Morgestraiche, am Montag und am Mittwoch. 1867 wurde eine grosse Fasnachtsverlosung veranstaltet, um den Cortège zu finanzieren; der Hauptgewinn war ein Ochse, für den zweiten und dritten Preis gabs einen Widder.

Oder zu meiner Jugendzeit in den siebziger Jahren, da fand die Fasnacht auch noch in den Aussenquartieren statt: Ich erinnere mich, wie die älteren Nachbarn morgens um 2 Uhr die Fenster aufrissen, wenn wir trommelnd nach Hause zurückkehrten. Und sich freuten, weil sie nicht mehr gut zu Fuss waren und sie nicht an den Cortège konnten; am Fernsehen wurde die Fasnacht damals noch nicht übertragen.

Langer Rede, kurzer Sinn: Die Fasnacht soll dieses Jahr endlich wieder mit allem Drumherum stattfinden. Im Mai oder Juni. Punkt.

Andreas W. Schmid arbeitet und lebt in Basel. Er trommelte bei der VKB,
heute geniesst er die Fasnacht vom Strassenrand aus.

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