Ausstellung
Affenschande! Ein alter Fall von Tierquälerei in der Humanistenstadt Basel

Das Historische Museum Basel präsentiert ein mittelalterliches Affenskelett, das in der Baugrube des Kunstmuseum-Parkings gefunden wurde.

Hannes Nüsseler
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Skelett des 2020 in einer Baugrube gefundenen Affen.

Skelett des 2020 in einer Baugrube gefundenen Affen.

Historisches Museum Basel

Kein Tierschutz weit und breit. Bevor der Kadaver des kleinen Affen in einem Plumpsklo entsorgt wurde, liess sein kurzes Leben von sechs bis acht Jahren jede Form von Achtung missen. Davon zeugen die Knöchelchen, die während der Notgrabung für das Kunstmuseum-Parking 2020 in einer mittelalterlichen Latrine zum Vorschein kamen und jetzt beinahe komplett im Untergeschoss der Barfüsserkirche präsentiert werden.

Die forensischen Ergebnisse sind eindeutig: Der Makake – vermutlich ein Berberaffe – weist einen Rippenbruch auf, sein Ellbogengelenk ist krankhaft verändert, wohl als Folge eines brutalen Rucks. Die verkrümmten Halswirbelfortsätze deuten darauf hin, dass der Affe angekettet war, ein Eckzahn ist entweder abgefeilt oder abgebrochen, auch der Oberkiefer weist einen Trümmerbruch auf. Schriftquellen belegen, dass Affen im Mittelalter mit Peitschen und Ketten misshandelt wurden, ähnliches dürfte auch dem Basler Makaken widerfahren sein.

Angeketteter Berberaffe auf einem mittelalterlichen Wandteppich aus dem 15. Jahrhundert. («La Dame à la Licorne», Musée de Cluny, Paris.)

Angeketteter Berberaffe auf einem mittelalterlichen Wandteppich aus dem 15. Jahrhundert. («La Dame à la Licorne», Musée de Cluny, Paris.)

Kanton Basel-Stadt

Doch wer hielt dieses seltene Haustier im 14. Jahrhundert, nur um es zu misshandeln? Die kompakte und vor dem Hintergrund der Primaten-Initiative hochaktuelle Ausstellung «Affenschande!» im Historischen Museum Basel wirft ein Schlaglicht auf die mittelalterliche Gesellschaft – und auf unser ambivalentes Verhältnis zu unseren nächsten Verwandten. «Was unterscheidet d’mönsche vom schimpans» besingt Mani Matter aus einem Lautsprecher im Museum das schlechte Image des Affen als ungehemmtes, lasterhaftes Wesen: Der mittelalterlichen Gesellschaft galt er als Spielzeug des Teufels und groteskes Zerrbild.

Die Ausstellung zeigt beispielsweise eine Sandsteinskulptur von der Chor-Aussenwand des Basler Münsters in Form eines berittenen Affen, der die regelmässigen Turnierkämpfe vor der Kirche verspottet. Auch auf Ofenkacheln, einem Bildteppich oder den Intarsien eines Schreibpults führen Affen menschliche Torheiten vor und entstellen sie so zur Kenntlichkeit – der eitle Blick in den Spiegel entlarvt sich selbst. Und natürlich darf die Brunnenfigur vom Andreasplatz nicht fehlen, die einen halb bekleideten Affen mit Weintrauben zeigt. Dass er auch anderen leiblichen Vergnügungen zugetan ist, verdeutlicht die fehlende Hose.

Basels erster sezierter Affe

Lebende Exemplare waren in Basel hingegen rar, nur Gelehrte, bischöfliche Beamte oder Angehörige des regionalen Adels konnten sich Affen als Schosstiere leisten. Neben der Musse und einer (behaupteten) moralischen Resistenz gegen Triebhaftigkeit verfügten gut betuchte Kreise vor allem über die nötigen internationalen Kontakte, um Affen zu importieren.

Dass diese Basler Gelehrtenkreise den Humanismus förderten, vielleicht sogar in direkter Anschauung der so empörend vertrauten äffischen Natur, lässt den gefundenen Makaken fast wie ein Versuchstier vor seiner Zeit erscheinen – das allerdings wenig von der neu entdeckten Menschlichkeit oder einer artgerechteren Haltung profitierte.

1573 sezierte der Basler Stadtarzt und Naturforscher Felix Platter erstmals einen Affen. Der Pionier verglich die Anatomie des Tieres mit demjenigen des Menschen und stellte zu diesem Zweck Skelettpräparate her: von Mann, Frau, Kind und besagtem Affen, dessen schmaler Schädel neben Platters blitzendem Sezierbesteck ebenfalls in einer Vitrine ruht. Der Anatom hatte das Skelett der Universität Basel vermacht, «öffentlichkeitswirksam», wie es in der Ausstellung heisst. Wenn Primaten andere Primaten vorführen, ist ihnen unsere Aufmerksamkeit gewiss.

«Affenschande! – Leben und Sterben eines spätmittelalterlichen Schosstiers», Barfüsserkirche, bis 22. Mai.

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