Analyse
Grünes Licht für die Basler Fasnacht: Die Vorfreude überstrahlt alles

Nach zwei Jahren lässt die Pandemie die «drei scheenschte Dääg» wieder zu. Zwar leuchten nicht alle Einschränkungen der Basler Regierung ein. Die Kritik daran ist eher leise. Das hat Gründe.

Andreas Möckli
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Bald dürfen die Kunstwerke der Cliquen wieder auf dem Münsterplatz brillieren: Laterne der Gundeli Gniesser

Bald dürfen die Kunstwerke der Cliquen wieder auf dem Münsterplatz brillieren: Laterne der Gundeli Gniesser

Roland Schmid

Drei Tage Fasnacht inklusive Morgenstreich. Was diese Woche zur Realität erklärt wurde, war zu Beginn des Jahres kaum denkbar. Anfänglich gefürchtet, hat sich die Omikron-Variante jedoch als weniger gefährlich entpuppt. Ob damit die Pandemie bald für beendet erklärt werden kann, wie viele Politikerinnen und Politiker derzeit frohlocken, wird sich zeigen.

Bislang machte der Pandemieverlauf der Fasnacht jeweils einen Strich durch die Rechnung. Der Anlass, der das Ende des Winters einläutet, ist aus virologischer Sicht kalendarisch ungünstig gelegen.

Am Mittwoch verkündete Regierungspräsident Beat Jans, was eigentlich schon vorher klar war: «Fasnacht, vorwärts Marsch!» Vielmehr interessierte deshalb, mit welchen Regeln die «drey scheenschte Dääg» flankiert werden. Die wichtigsten Einschränkungen lassen sich auf folgende Formel bringen: keine Trams und Busse am Morgenstreich, Beizenschluss um 1 Uhr sowie eine faktische Schliessung der Cliquenkeller.

Der grosse Aufschrei in der Szene blieb aus. Die Regierung profitiert davon, dass nach dem zweijährigen Verzicht die Vorfreude alles überstrahlt. Die Fasnächtlerinnen und Fasnächtler sind schlicht dankbar, dass sie ihr liebstes Hobby überhaupt ausleben dürfen.

Die Regierung hatte allerdings gar keine andere Wahl, als eine Fasnacht zuzulassen, die vieles ermöglicht. Der Bundesrat hat dank fleissiger Vorarbeit von Gesundheitsminister Alain Berset bereits Ende Januar weitgehende Lockerungsschritte eingeläutet. Die Landesregierung hatte damit die Basler Exekutive in Zugzwang gebracht. Würden Anfang März landesweit kaum noch Coronaregeln gelten, für Basels grössten Anlass hingegen schon, wäre das auf grosses Unverständnis gestossen.

Das Selbstverständnis der Basler Fasnacht ist stark von ihrem politischen und gesellschaftskritischen Ansatz geprägt: Laterne der Clique Verschnuufer.

Das Selbstverständnis der Basler Fasnacht ist stark von ihrem politischen und gesellschaftskritischen Ansatz geprägt: Laterne der Clique Verschnuufer.

Roland Schmid

Mit diesem wahrscheinlichen Szenario konfrontiert, blieben der Regierung nicht allzu viele Möglichkeiten, die Fasnacht einzuschränken. Dennoch ist es das erklärte Ziel, ein dreitägiges Volksfest zu verhindern. «Es geht um das grosse Bild, das dieser Anlass abgibt», sagte Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger zu «Telebasel». «Wir wollen mit der Fasnacht eben nicht Werbung machen und auch nicht die ganze Region zu uns einladen.»

Feierende Menschen in Beizen oder zusammengepfercht in einem Cliquenkeller? Die Vorstellung solcher Bilder, die sich rasch in der ganzen Schweiz verbreiten würden, muss für Engelberger ein Graus sein. Was also tun, um den Auflauf der Massen in der Innenstadt zu verhindern? Ein Appell der Regierung genügt nach zwei Jahren mit vielen Entbehrungen kaum noch, damit die Menschen zu Hause bleiben. Also hat die Regierung den Verkehrsbetrieben kurzerhand untersagt, für den Morgenstreich Extrafahrten anzubieten.

Was vor allem die Zuschauer abhalten soll, trifft jedoch die Aktiven gleichermassen, die nicht in Basel wohnen. Dies gilt auch für den Beizenschluss um 1 Uhr. Zu dieser Zeit sind vor allem die Aktiven unterwegs, das Gros der Zuschauer schlägt nach Mitternacht den Weg nach Hause ein.

So gesehen hätte es vielleicht auch gereicht, nur den Cortège abzusagen. Diese Massnahme ist ohnehin der grösste Hebel, welcher der Regierung angesichts der Grosswetterlage noch blieb. Hier ist die Sogwirkung, wie es Engelberger formuliert, sicher am grössten. Der Unmut der betroffenen Wagen-Cliquen und Chaisen ist zwar verständlich. Doch wenn wir in dieser Pandemie eines gelernt haben: Massnahmen bringen stets Kollateralschäden mit sich.

Mit der Absage des Cortège steht vor allem das «Gässeln» im Vordergrund.

Mit der Absage des Cortège steht vor allem das «Gässeln» im Vordergrund.

Georgios Kefalas / Keystone

Die Regierung war am Mittwoch sichtlich bemüht, die Bedeutung der Tradition in den Vordergrund zu stellen. «Wir wollen eine Fasnacht für die Aktiven», lautete die Losung von Jans und Engelberger. Doch bei näherer Betrachtung entpuppt sich dies auch als kommunikativer Kniff. Einerseits ist sie Balsam auf die Seele der Aktiven, gleichzeitig wirbt die Regierung bei den Passiven um Verständnis, nicht in allzu grosser Zahl zu erscheinen. Die Botschaft, «euch Schaulustige wollen wir dieses Jahr lieber nicht», soll möglichst mit schönen Worten verpackt werden.

Doch die Tradition der Fasnacht wäre falsch verstanden, wenn sie nur als Anlass von und für Aktive verstanden würde. Das Selbstverständnis der Basler Fasnacht ist stark von ihrem politischen und gesellschaftskritischen Ansatz geprägt. Das funktioniert jedoch nur, wenn ein grösseres Publikum diesen auch wahrnimmt und sich das Ganze nicht nur an Insider richtet.

Zugegeben, die Aufgabe war für die Regierung alles andere als eine leichte. Aus ihrer Sicht sind die nun erlassenen Fasnachtsregeln bloss die konsequente Weiterführung ihrer vorsichtigen Pandemiepolitik. Sie kann sich jedoch nicht vollständig der von Bern ausgehenden Macht des Faktischen entziehen. Nicht auszuschliessen ist deshalb, dass die Regierung noch auf den einen oder anderen Entscheid zurückkommt. Denn noch sind die Polizeivorschriften betreffend der Fasnacht nicht publiziert.