Roman

Also sprach der Pappkamerad

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Benjamin von Wyls «Hyäne» ist wunderbar sarkastisch und meinungsstark, aber als Roman etwas blutleer.

Mit 30 Jahren veröffentlicht Benjamin von Wyl bereits seinen zweiten Roman, und dies neben einer engagierten Tätigkeit als Polit- und Investigativjournalist und dauer-aktiver Social-­Media-Kommentator.
Wie er das wohl macht? Die Lektüre des Romans «Hyäne» legt nahe, dass er gewisse Synergien nutzt.

Der Rechercheur, der den Konzernen und Machthabern auf die Schliche kommt; der Polemiker, der mit sarkastischen Salven auf gesellschaftspolitische Probleme hindeutet; und nicht zuletzt der zupackende Citoyen, der auch persönlich etwas wagt: Alle diese Rollen, in denen der Autor von Wyl in Erscheinung tritt, finden auch Eingang in diesen Roman.

Zwei Frauen und ein Mann sprechen in diesem Buch. Sie tun es abwechselnd und komplett monologisch, oder genauer: in einem Selbstgespräch in der Du-Form. Die Mischung von Beobachtungen, Grübeleien, ­Erinnerungen und Fantasien macht diese abenteuerlichen Bewusstseinsströme nicht immer leicht zu lesen, und viele Elemente fügen sich in diesem anspruchsvollen Buch erst später zu einem Bild.

Erzählerin leidet an Ausbeutung und Entfremdung

Die eine Erzählerin ist eine junge Frau, die sich mit mehreren Gelegenheitsjobs durchs Leben schlägt. Sie kämpft mit stupiden Aufgaben, unregelmässigen Arbeitszeiten, wirtschaftlicher Abhängigkeit, sexistischen Übergriffen und Vereinsamung. Man darf wohl zusammenfassen: Sie leidet an Ausbeutung und Entfremdung.

Doch dank einem abgebrochenen Studium sieht sie wenigstens die Dinge klar: «Du kennst das Dreieck aus der Politik, die Dreiecksbeziehung, in der nicht einzelne, sondern ­ganze Gesellschaften leben: Freiheit, Sicherheit, Gleichheit. Du weisst aber auch: Das Dreieck handelt primär von Narra­tiven. Freiheit ist der populärste Wert. Die Freiheit ist Heiliger Geist dieser Dreifaltigkeit: Man kann sie nur empfinden. Die Freiheit, sich selbst zu vergiften, würde wohl Herr Philip Morris sagen.»

Wahnwitziges Vorzeigeprojekt

Bedeutend rasanter und lustiger geht es im Leben des Manns zu, der durch die Welt jettet und an seiner Karriere und seinem aufgeblasenen Ego arbeitet. Mit Social Media und TED-Talks ist er angeblich ­berühmt geworden. Nun verkauft er dem Pharmakonzern «Neocitranis» – ein überdeut­licher Fingerzeig auf Novartis, in von Wyls Heimatstadt Basel – ein wahnwitziges Vorzeige­projekt.

In den Sprüchen des durch­geknallten Koksers und Buli­mikers steckt viel sarkastische Kritik an der Wirtschafts- und Medienwelt. «Die Facebook-­Legastheniker, diese Neandertaler, die wahrscheinlich auch ihren eigenen Schnaps brennen, posten Sätze wie: ‹Schaut, wie schick meine neue Website ist!› Das ist Jammern. Man kann ihnen nur wünschen, dass ihr Fusel sie ­erblinden lässt, damit sie den Werdegang ihres Online-­Ichs nicht länger miterleben müssen.»

Die drei Pappkameraden

Die innere Monologie dieser beiden – ein Opfer und ein Arschloch – füllt den grössten Teil der 200 Seiten des Romans. Fast schon normal erscheint ­ihnen gegenüber die militante Politaktivistin Hannah, die in Warenhäuser eindringt, um ­Legosteinchen im Getreide zu verstecken und auf die Selbstzahlkassen zu defäkieren.

«Hyäne» erschöpft sich in der Montage von Gesellschaftsanalyse und politischer Kritik, die zwar eloquent und treffend, aber kaum in eine Charakterisierung der Figuren eingebettet ist. Die drei Personen sind Pappkameraden, die weder anziehen noch abstossen.

Und auch wenn die Protagonisten dann endlich aufeinandertreffen, findet keine eigentliche Auseinandersetzung statt. Der Dialog zwischen dem Arschloch und dem Opfer ist bloss eine Montage von inneren Monologen, die in ihrer eigenen Perspektive gefangen bleiben. Das mag gewollt sein. Für den Leser ist es aber nicht attraktiv, sondern ziemlich ermüdend.

Die Erlösungsfantasie scheint aufgesetzt

Auf die «Erlösungsfantasie», die im Titel versprochen wird, wartet der Leser, ebenso wie auf die Hyäne, bis zum Schluss des Buchs. Sie erscheint dem Plot behelfsmässig aufgesetzt und verleiht dem Werk eine nicht eben dramaturgisch überzeugende Struktur.

Dass die Plausibilität der Geschichte am Ende gegen null konvergiert, nimmt der Autor in Kauf. Dem poetischen Glauben zuzudienen, stand nicht auf der To-do-Liste beim Verfassen dieses Textes, dessen Thesen bei von Wyls Lesepublikum bestimmt nichtsdestominder auf Resonanz stossen werden.

«Hyäne – Eine Erlösungsfantasie»
von Benjamin von Wyl.
Roman. Lectorbooks, Zürich, 200 Seiten.

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