Bentley

Keine Schmalkost aus Crewe

Bentley Continental GT V8 S Convertible

Bentley Continental GT V8 S Convertible

Ein Bentley mit nur acht Zylindern? Natürlich geht das, schliesslich hat dieses Motorenkonzept bei der Marke eine lange Tradition. Und die fast 530 PS reichen locker aus – für alle Eventualitäten.

Schmalkost und Bentley – das passt nicht zusammen. Allein schon von den Abmessungen her ist ein Bentley alles andere als eine spindeldürre Primaballerina. Der Continental GT Converti ble V8 S, den wir rund ums Werk in Crewe bewegen durften, ist mit einer Länge von 481 cm zwar kein Riese. Zumindest in Sachen Fahrzeuglänge. Aber die Breite von 194,5 cm passt nicht wirklich auf enge britische Landstrassen. Zumal mit den Aussenspiegeln satte 2,22 Meter darauf warten, den entgegenkommenden Verkehr in Angst und Schrecken zu versetzen. Bei den Massen ist der Bentley also kein Zwerg, bei der Masse erst recht nicht. 2470 Kilogramm nennen die Briten als Leergewicht für das Cabrio. Der Bentley ist also ein Sumo-Ringer, allein schon der Kraft wegen. Denn auch wenn nur acht Zylinder im Bug ihre Arbeit verrichten, behäbig wirkt der offene Continental V8 S überhaupt nicht. Die 528 PS aus den vier Liter Hubraum sorgen dafür, dass was vorwärtsgeht. Hinzu kommt ein maximales Drehmoment von 680 Nm ab 1700 Umdrehungen. Das können die «grossen» Brüder nicht viel besser. Der Continental GT mit W12-Motor ist zwar deutlich kräftiger (575 PS, 700 Nm), aber das macht den Braten irgendwie auch nicht fett. Und er klassische Bentley-V8 mit 6,75 Liter Hubraum (wird zum Beispiel im Mulsanne verbaut) ist mit 512 PS sogar etwas schwächer, bietet aber einen Drehmomentberg von 1020 Nm.

Der V8 S im Continental ist also eine Art Vernunftsmotor der – wenn es die Situation zulässt – sogar vier der acht Zylinder abschaltet. Aber, das sei hier gesagt: Sound. Performance und Ansprechverhalten sind ganz einfach – toll. Bentley hat den Motor nicht selber entwickelt – er stammt eigentlich von Audi, wo er zum Beispiel den RS6 befeuert. Überhaupt hat Bentley wohl nur überlebt, weil man von Synergien mit dem Giganten aus Wolfsburg profitieren kann. Natürlich kann man lästern, dass das Navigationssystem des edlen Briten auch im VW Passat verbaut wird – aber es ist modern, funktioniert prima und lässt sich einfach bedienen. Konkurrenten in dieser Fahrzeugliga arbeiten da teilweise noch mit Systemen, die Anfang dieses Jahrhunderts in einem Volvo ihren Dienst taten… Denn die Entwicklung dieser Multimedia- und Navigationskomponenten verschlingt Unsummen. Sachen, die sich gewisse Hersteller einfach nicht leisten können. Hier profitiert Bentley extrem von VW. Ursprünglich ist ja auch die Plattform des Continental von VW (Phaeton), aber Hand aufs Herz, davon merkt man einfach nichts. Das hat zwei Gründe. Erstens ist der Continental GT kein Blender, sondern ein Cruiser mit mächtig Reserven. Und zweitens spürt man an jeder Ecke das Know-how der Arbeiter im Werk in Crewe, in dem bis vor geraumer Zeit auch Rolls-Royce montiert wurden. Die Verarbeitung gehört ganz klar zu den Stärken eines Bentley. Und, in den Hauptmärkten der Marke aus Crewe (USA, Russland, China) interessiert sich kaum ein Kunde für Rundenzeiten auf dem Nürburgring sondern viel eher für Rosenholz, Vogelaugen-Ahorn oder für eine Aussenfarbe, die der des Nagellacks der Dame auf dem Beifahrersitz entspricht. Und das können sie – die Briten.

Bei einem Besuch im Werk konnten wir uns vom nach wie vor hohen Anteil an Handarbeit auch beim Continental GT überzeugen. Da sitzen gestandene Männer mit Guinness-geformten Bäuchen in Reih und Glied und nähen edle Lederhäute auf die Lenkräder. Ein wunderbares Bild. Oder die Holzverarbeitung, welche im Gegensatz zum Mulsanne etwas stärker automatisiert ist, aber immer noch viel Handwerkskunst verlangt. Klar kostet das auch was. Wer nicht 250  000 Franken auf sich trägt, braucht eigentlich gar nicht zum Bentley-Händler zu gehen. Obwohl die Basispreise teilweise deutlich unter dieser Marke liegen, wird sich kaum jemand einen Standard-Bentley kaufen. Und die Aufpreise sind teilweise happig, aber das ist auch bei einigen Grossserien-Herstellern mittlerweile nicht anders. Bentley baut nach wie vor hervorragende Autos und ist auf gutem Weg, sein etwas angestaubtes Image abzulegen. Helfen soll da eine fünfte Baureihe, die nach dem SUV-Modell etwa 2018 auf den Markt kommen könnte.

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