Es lässt sich nur schwer in Worte fassen, was passiert, wenn der jüngste Wurf von Porsche zur vollen Beschleunigung ansetzt. Beim Druck auf das Fahrpedal scheinen sich die Hinterräder regelrecht in den Asphalt zu krallen, die Vorderachse zieht den Wagen zusätzlich nach vorn. An beiden Achsen arbeitet eine elektrische Synchronmaschine, zusammen kommen sie im derzeitigen Topmodell Taycan Turbo S auf 761 PS und 1050 Nm Drehmoment. Trotz 2,3 Tonnen Leergewicht ist die Beschleunigung unglaublich. Auch wenn man bei einem Porsche einen starken Antritt als selbstverständlich erachtet. Das ist eine neue Welt. Nicht nur, weil der Taycan derart vehement nach vorn stürmt; vor allem aufgrund der Art und Weise: ansatzlos. Linear und nur untermalt von einem Summen der E-Maschine.

Auf Wunsch wird der Klang per Lautsprecher angereichert. Ein tiefes, kraftvolles Brummen, das zu dieser futuristischen Erfahrung passt, aber nicht unbedingt nötig ist. Fest steht: In Sachen Fahrleistungen will der erste Stromer aus Zuffenhausen keine Zweifel offenlassen, dass er trotz neuer Antriebstechnologie ein echter Porsche ist. 100 km/h erreicht der Starkstromer in 2,8 Sekunden, was ihn zum derzeit besten Sprinter der Marke macht.

Doch das allein reicht nicht aus, um die verwöhnte Kundschaft abzuholen. Der Taycan muss mehr können, als nur auf kurzen Sprints zu begeistern. Porsche hat für den ersten reinen E-Wagen beträchtlichen Aufwand betrieben, um ihn nicht nur schnell auf der Geraden zu machen. So war es den Entwicklern wichtig, die Technik so auszulegen, dass der Stromer auch nach mehreren Sprints in Folge oder bei wenig Strom im Akku noch die volle Leistung abrufen kann. Einen grossen Anteil daran trägt die Batterie, die mit einer Spannung von 800 Volt anstelle der sonst bei E-Autos üblichen 400 Volt arbeitet. So kann die Batterie besser Energie abgeben – und aufnehmen.

Weit fahren, schnell laden

Entscheidend für ein E-Auto, das, wie es für einen Porsche selbstverständlich sein sollte, auch im Alltag funktionieren muss, ist die Reichweite entscheidend. Für den Taycan Turbo S nennt Porsche 388 bis 412 Kilometer, für den ebenfalls ab Anfang 2020 lieferbaren Taycan Turbo mit maximal 680 PS sind es 381 bis 450 Kilometer, abhängig von der gewählten Ausstattung und Bereifung. Beide Varianten verfügen über 93,4 kWh Batteriekapazität. Damit bietet der Stromsportler durchaus alltags- und reisetaugliche Reichweite, auch wenn der Stromverbrauch im Vergleich zum derzeit einzigen Konkurrenten höher ausfällt: Mit 23,0 respektive 26,7 kWh/100 km liegt der angegebene Werksverbrauch laut WLTP-Messung um rund 8 kWh/100 km über dem eines Tesla Model S.

Klassische Porsche-Formensprache am Heck. Bild: zvg

Klassische Porsche-Formensprache am Heck. Bild: zvg

Den höheren Verbrauch kann der Porsche aber an der Ladesäule durch höhere Ladeleistung wieder wettmachen. An einer geeigneten Gleichstromsäule kann er mit bis zu 270 kW laden. Unter optimalen Bedingungen dauert es nur 22,5 Minuten, bis der Akku von 5 auf 80% geladen ist. Zu diesen optimalen Bedingungen zählt aber auch, eine Ladestation aus dem Ionity-Netzwerk mit genügend Leistung zu finden. Derzeit sind in Europa 150 Stationen in Betrieb. Bis Ende 2020 sollen es 400 sein. «Pro Tag kommt ein Ladepark dazu», sagt Mayk Wienkötter, Sprecher für E-Mobilität bei Porsche.

Um unterwegs immer mit Strom versorgt zu sein, hilft das Navi dem Fahrer mit intelligenter Routenplanung. Was bei der ersten Testfahrt besonders gefällt: Das System zeigt immer an, wie viel Strom bei der Ankunft vermutlich noch im Akku sein wird und rechnet laufend nach. Ausserdem zeigt das System auf der Karte exakt an, wie weit der Strom noch reichen würde. Nicht nur in einem einfachen Kreis, sondern durch ein präzises Profil, das den effektiven Strassenverlauf berücksichtigt.

Damit ist man mit dem Taycan auch für lange Strecken gerüstet, zumal die sportliche Limousine den entsprechenden Fahrkomfort bieten kann. Der Federungskomfort ist gut, und die Schallisolierung sorgt für entspanntes Gleiten. Nur die sportlichen Reifen sorgen teilweise für gut hörbare Abrollgeräusche, ansonsten herrscht Stille im Innenraum. Auf der Rückbank des Viersitzers sitzt man dank einer Vertiefung, in der die Füsse unter dem Vordersitz Platz finden, bequem. Nur für Mitfahrer grösser als 1,85 Meter wird es eng über dem Kopf.

Digital in die Zukunft

Wer auf einem der vorderen Sitze Platz nimmt, findet sich in der digitalen Welt wieder – umgeben von vier Displays. Nebst dem zentralen Mitteldisplay für Navigation und Unterhaltung findet sich in der Mittelkonsole ein weiterer Screen, der als Steuerung für die Klimaanlage dient und als «Eingabefeld», über das die Navi-Einheit bedient werden kann.

Digitale Welt im Interieur. Bild: zvg

Digitale Welt im Interieur. Bild: zvg

Vor dem Fahrer steht erstmals für einen Porsche eine komplett digitale Tacho-Einheit, die nicht nur Geschwindigkeit, sondern auch Navi-Karte und Informationen zu Verbrauch und Reichweite gestochen scharf präsentiert. Das passt zum hochmodernen Ambiente im Taycan. Genauso wie das optionale Display für den Beifahrer, quasi eine Verlängerung des mittigen Navi-Bildschirms, über das der Passagier nicht nur die Geschwindigkeit mitverfolgen kann, sondern auch das Navi bedienen oder die Musik steuern.

Fahrspass in neuer Dimension

Angesichts der neuen Welt im Innenraum und beim Antrieb kommt die Frage auf, ob der Taycan weiterhin die Fahrfreude liefern kann, die man von einem Porsche erwartet.

Am Fusse der Silvretta Hochalpenstrasse wechseln wir in den sportlichen Fahrmodus. Nun wird das erstmals bei einem E-Auto verbaute Zweiganggetriebe an der Hinterachse aktiv. Es sorgt für bessere Beschleunigung bei tieferem Tempo und mehr Effizienz bei höherer Geschwindigkeit und macht sich durch einen gelegentlichen kleinen Ruck bemerkbar.

Durch die im Unterboden verbaute Batterie sitzt man zwar etwas höher als in anderen Porsche-Modellen, dafür liegt der Schwerpunkt des Wagens aber unschlagbar tief. Hinzu kommt das hochmoderne Luftfahrwerk mit Hinterachslenkung und Wankstabilisierung. So liegt der Taycan extrem satt auf der Strasse und fühlt sich trotz seines hohen Gewichts auch auf engen Kurvenstrecken ungemein flink an. Weil er präzis einlenkt und viel Seitenführung aufbaut und er dank immer starkem E-Antrieb regelrecht aus engen Kurven herausprescht. Er beweist eindrücklich, dass sportliche Fahrfreude auch mit Strom möglich ist. Oder eben: gerade wegen der Kraftentfaltung des E-Antriebs.

Allerdings lässt sich Porsche die Vielseitigkeit und Faszination des ab 2020 anrollenden Taycan teuer bezahlen. Der Turbo kostet ab 194 900 Franken, der Turbo S mit stärkerem Antrieb und umfangreicherer Ausstattung sogar mindestens 237 500 Franken.