Iran-Konflikt

Wird die Nato in den Konflikt hereingezogen? Greift der Iran an, könnten die USA die Nato-Alliierten beiziehen

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Erst einmal in der Geschichte der Nato mussten sich deren Mitglieder gegenseitigen Beistand leisten. Im Rahmen des Konflikts zwischen USA und Iran könnte es wieder zu dieser Situation kommen.

Im 70-jährigen Bestehen der Nato kam es erst einmal vor, dass sich die Nato-Mitglieder gemäss dem Grundauftrag der transatlantischen Militär-Allianz gegenseitig Beistand leisten mussten: Nach dem New Yorker Terroranschlag vom 11. September 2001. Damals riefen die USA den Artikel 5 des Nato-Vertrags an, der jeden Angriff auf einen Nato-Staat als Angriff auf alle Nato-Mitglieder auslegt.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die USA auch bei einem schweren Vergeltungsangriff der Iraner den Nato-Bündnisfall auslösen könnten. Dann müssten unter Umständen die Europäer an der Seite der USA gegen Iran in den Krieg ziehen.

Gefährliche Eskalation laut Sicherheitsexperte unwahrscheinlich

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg wollte sich am Dienstag dazu nicht äussern. Er wolle die Unsicherheit in der Region nicht noch mit Spekulationen antreiben, so Stoltenberg gegenüber Journalisten. Trotzdem ist in Nato-Kreisen das Artikel-5-Szenario aber ein Thema.

Thomas Renard, Sicherheitsexperte vom Brüsseler Egmont-Institute, geht nicht davon aus, dass es je soweit kommen wird. «Iran ist sich sehr genau bewusst, was es sich erlauben kann», so Renard. Stand jetzt hat der Raketenangriff auf US-Stützpunkte in der Nacht auf Mittwoch keine US-Todesopfer gefordert. Bei den 911-Anschlägen kamen immerhin fast 3000 Menschen ums Leben. Zudem fand die Attacke auf amerikanischen Boden statt. Artikel 5 verweist hier explizit auf einen Angriff auf «Europa oder Nordamerika». US-Militärbasen im nahen und mittleren Osten, als mögliche Ziele iranischer Angriffe, fallen nicht darunter.

Die kollektive Nato-Verteidigung muss weiter vom Atlantikrat, dem obersten Gremium der Nato, einstimmig beschlossen werden. Einer, der das verhindern könnte, ist der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. In einem Telefonat soll er Teheran wegen der US-Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani kondoliert haben. Einige Medien berichten sogar, Erdogan soll Soleimani einen «Märtyrer» genannt haben, was Ankara umgehend dementierte.

Nato-Länder beginnen mit Abzug der Soldaten

Unabhängig von der Auslösung von Artikel 5 gilt aber: Käme es zu einer grösseren Eskalation wie dem Abschuss einer US-Passagiermaschine oder der Geiselnahme einer grösseren Zahl an US-Bürger, könnten sich die Nato-Alliierten nur schwer der Solidarität mit den USA entziehen. Der politische Druck dazu wäre schlicht zu hoch. Wie dieser Beistand auszusehen hat, ist eine andere Frage.

Unterdessen haben die Nato-Länder damit begonnen, ihre Soldaten aus dem Irak abzuziehen. Ein Teil des Personals werde ausser Landes verlegt, teilte ein Nato-Sprecher mit. Die Nato-Ausbildungsmission im Irak wurde vorübergehend ausgesetzt. Seit 2018 befinden sich rund 500 Nato-Soldaten vor Ort, um die irakische Armee im Kampf gegen den IS zu trainieren. Die USA selbst haben nochmals rund 5000 Soldaten in Irak stationiert.

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