USA

Weder Muslim noch Latino – kennt darum keiner die Story von Fast-Attentäter Michael Estes?

Estes' Ziel war, «ein Krieg auf amerikanischem Boden zu beginnen».

Estes' Ziel war, «ein Krieg auf amerikanischem Boden zu beginnen».

Am 6. Oktober platzierte Michael Christopher Estes im Asheville Regional Airport im US-Bundesstaat North Carolina eine Bombe – eine Explosion konnte verhindert werden, verletzt wurde niemand. Doch weshalb gelangte der geplante Anschlag nicht an die Öffentlichkeit?

Fünf Tage zuvor – am 1. Oktober – ermordete Attentäter Stephen Paddock mit Schüssen aus einem Hotel in Las Vegas 58 Menschen, über 500 weitere wurden verletzt. Das Massaker geht als dasjenige mit der höchsten Opferzahl überhaupt in die Geschichte der USA ein. Schütze Paddock richtete sich selber, Amerika war schockiert, die Welt übte sich in Beileidsbekundungen.

Nicht mal eine Woche später setzte Michael Christopher Estes seinen Plan in die Tat um, er platzierte im Asheville Regional Airport im Westen von North Carolina eine selbstgebastelte Bombe. Die amerikanische Newswebsite «ThinkProgress» spricht von «nationaler Angst, die Estes säen wollte».

Der weisse Amerikaner – diese exakte Beschreibung soll später in diesem Text von Relevanz sein – platzierte seinen Sprengsatz in einem Rucksack versteckt am Eingang eines Terminals. Dieser bestand aus einem Einmachglas gefüllt mit Ammonium-Nitrat, Nägeln und Schrotpatronen. Mit einer manipulierten Glocke eines Weckers sollte die Explosion ausgelöst werden.

Von Erfolg gekrönt war die Aktion Estes' nicht. Das FBI entschärfte die Bombe und verhaftete den Fast-Attentäter einen Tag später. Estes zeigte sich geständig und war bereit, mit den Ermittlern zu kooperieren. Er beschrieb seinen Plan, gab exakt an, wo er sein Sprengmaterial kaufte (Walmart etc.) und die Bombe baute (in einem nahe gelegenen Waldgebiet) – und er unterrichtete die Behörden über sein Motiv: Einen «Krieg auf amerikanischem Boden zu beginnen».

In der Folge kam die Frage auf, weshalb gewisse kriminelle Aktivitäten einen Aufschrei der Empörung nach sich ziehen, während andere fast unbemerkt vonstatten gehen. Dass Medien bei der Auswahl von Themen eine grosse Rolle spielen und die öffentliche Meinung beeinflussen steht ausser Frage. «ThinkProgress» formuliert diese Tatsache noch etwas direkter und schreibt von «Medien, die entscheiden, ob ein Krimineller als sympathisch oder teuflisch betitelt wird».

Eine Frage der Hautfarbe

Ebenso klar ist im Fall von Michael Christopher Estes, dass die Newslage in diesem Moment durch das schreckliche Attentat von Las Vegas dominiert war. Welcher Medienschaffende gewährt einem gescheiterten Anschlag ohne verletzte Menschen Schlagzeilen, wenn andernorts an einem Country-Festival fast 60 Menschen ermordet wurden und über 500 Verletzte zu beklagen sind.

Nichtsdestotrotz mutet es seltsam an, dass Estes' Tat selbst in Zeiten von Social Medial – hier können sich innert Stunden auch irrelevante Storys zu Skandalen hochbauschen – den Weg an die Öffentlichkeit nie richtig fand. Selbst US-Präsident Donald Trump, welcher sonst nie um einen Tweet verlegen ist, wenn es um kriminelle Ausländer geht, hat sich nicht zu Wort gemeldet.

Vielleicht sind es ja doch andere Gründe, die darüber entscheiden, inwiefern Kriminalität in den amerikanischen Medien zur Geltung kommt. Shaun King, ein Kolumnist von «The Intercept» bringt es gemäss der Newswebsite «ThinkProgress» auf den Punkt:

«Die Story ging nicht viral und Trump tweetete nicht darüber, weil die Bombe nicht von einem Immigrant, einem Muslim oder einem Mexikaner platziert wurde. Sie wurde von einem guten, alten, weissen Mann, Michael Christopher Estes, deponiert. Im Gegensatz zum Las-Vegas-Schützen Stephan Paddock, dessen Motiv schwer zu erkennen ist, war Estes' Ziel klar: einen Krieg auf amerikanischem Boden zu beginnen.»

Niemand anderes ausser King hatte Michael Estes zuvor als Terroristen bezeichnet und dies obwohl in der Klage gegen ihn von jemandem die Rede ist, «der Angst zu erwecken und Unruhen durch gewaltsame Mittel zu säen versuchte». Das kommt der Definition eines Terroristen doch eigentlich ziemlich nahe.

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