Analyse

Was Russlands Präsident Putin in Syrien wirklich will

Wladimir Putin (rechts) und Recep Tayyip Erdogan im September letzten Jahres in Ankara: Damals berieten sie die Lage in Syrien. Heute kommt es erneut zu einem Treffen - diesmal in Moskau und unter anderen Vorzeichen.

Wladimir Putin (rechts) und Recep Tayyip Erdogan im September letzten Jahres in Ankara: Damals berieten sie die Lage in Syrien. Heute kommt es erneut zu einem Treffen - diesmal in Moskau und unter anderen Vorzeichen.

Am Donnerstag treffen sich der russische Präsident Wladimir Putin und sein Amtskollege aus der Türkei in Moskau. Steuern die «lieben Freunde» in Syrien auf einen Krieg zu? Die Analyse.

Ende 2015, kurz nach dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch eine türkische Rakete an der Grenze zu Syrien, zürnte Moskau, sprach von einem «Stich in den Rücken» und bezeichnete die Türkei als «terroristische Komplizen». Das daraufhin abgekühlte Verhältnis der beiden Länder stabilisierte sich jedoch schnell wieder. So spazierte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan mit Sonnenbrille und Eis in der Hand im August vergangenen Jahres auf der Luft- und Raumfahrtmesse nahe Moskau und liess sich dabei von dem ebenfalls gut gelaunt wirkenden russischen Präsidenten Wladimir Putin über den Tarnkappen-Kampfjet SU-57 informieren. «Mein lieber Freund» wählten die beiden jeweils als Anrede. Von Groll keine Spur.

Längst war es Russland da gelungen, die Türkei und auch Iran im sogenannten Astana-Prozess in einen gemeinsamen Rahmen einzubinden. Die Kämpfe um die letzte Rebellenhochburg Idlib in Syrien aber zeigen nochmals deutlich, wie fragil das Bündnis Moskau-Ankara ist. An diesem dünnen Band wollen die unfreiwillig Verbündeten weiterhin halten, wenn Erdogan am Donnerstag zu Gesprächen in Moskau eintrifft.

Eingeständnis im Bereich des Unvorstellbaren

Russland strebt keine direkte militärische Konfrontation mit der Türkei an. Seine Unterstützung für den syrischen Machthaber Baschar al-Assad will der Kreml allerdings auch nicht aufgeben, weil das seine Position als Ordnungsmacht in der Region zunichtemachen würde. Syrien hat eine enorme Symbolkraft für Russlands Streben nach Weltmacht-Status. Ein Rückzieher setzt das Eingeständnis eigener Fehler Putins, seines Aussenministers Sergej Lawrow und des Verteidigungsministers Sergej Schojgu voraus. Solch ein Eingeständnis liegt im Bereich des Unvorstellbaren. Für den Arabisten Leonid Issajew von der Moskauer Higher School of Economics ist sein Land so «eine Geisel des syrischen Konflikts». Eine Strategie, wie Russland da herauskomme, sei nicht ersichtlich, zumal die Probleme, die zum Krieg in Syrien geführt hätten, nicht gelöst seien. «Die Situation mit Assad als Sieger ist eine tickende Zeitbombe», sagte der Wissenschaftler in einem Interview bei Radio Swoboda.

Moskau ist seit Monaten unzufrieden mit der Türkei und wirft Ankara vor, sich nicht an die Abmachungen von Sotschi, die beide Länder sich im September 2018 abgerungen haben, zu halten. Es war eine vage Vereinbarung mit unklaren Formulierungen. Beide hatten sich damals darauf verständigt, Terroristen zu bekämpfen, ohne zu präzisieren, wen sie damit meinten. Moskau verfolgt in Idlib eine kalte Logik: Die Türken und die Syrer verlieren in der Provinz derzeit Soldaten und Zivilisten, Russland verliert derweil nichts. Es geht mit dieser Logik in die Gespräche mit Erdogan, daran interessiert, erneut zu einer Einigung mit der Türkei zu kommen.

Die russisch-türkischen Interessen, sowohl wirtschaftlicher als auch militärischer Natur, wiegen weitaus mehr als die russisch-syrischen.

Vor dem Treffen der beiden Präsidenten gehen viele russische Beobachter von einer Einigung aus. Es dürfte allerdings auch diesmal ein anfälliger Kompromiss sein. Einer, der einen reinen Zeitgewinn für die an sich uneinigen Parteien darstellt.

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