Ein Mann hat in einem Thalys-Schnellzug auf dem Weg von Amsterdam nach Paris mit einer Schusswaffe das Feuer eröffnet und zwei Menschen schwer verletzt. Zwei Fahrgäste aus den USA hätten ihn überwältigt. Der Täter wurde am Bahnhof im nordfranzösischen Arras festgenommen. Er war in Brüssel zugestiegen.

«Wir haben einen Schuss und berstendes Glas gehört», erzählte der US-Nationalgardist dem französischen Fernsehsender BFMTV. «Ich habe hinter mich geschaut und gesehen, wie ein Mann mit einer Kalaschnikow reinkam.»

Sie hätten sich geduckt und sich dann auf den Täter gestürzt. «Mein Freund ist mit dem Messer verletzt worden, und ich habe die Waffe gepackt», sagte er. «Wir haben ihn gegen den Kopf geschlagen, bis er bewusstlos war.»

Auch Zivilisten halfen den beiden Männern - darunter ein US-Student, der mit den Soldaten unterwegs war. Der Angreifer habe nur gerufen: «Gib mir meine Waffe wieder, gib mir meine Waffe wieder», berichtete der Student. Danach habe der Mann nichts mehr gesagt.

Der US-Fernsehsender CNN veröffentlichte ein Video, das Szenen nach den Schüssen im Thalys-Zug zeigen soll. Darauf ist zu sehen, wie ein Mann mit nacktem Oberkörper am Boden liegt, seine Hände sind auf dem Rücken gefesselt. Auf einem der Thalys-Sitze steht eine Waffe, bei der es sich um ein Sturmgewehr handeln könnte.

US-Soldat nach Attentat in Schnellzug: «Wir haben ihn bewusstlos geschlagen»

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Geheimdienstlich bekannt

Der Schütze, der nach übereinstimmenden französischen Medienberichten 26 Jahre alt und marokkanischer Herkunft sein soll, verletzte beim Angriff am Freitag nach offiziellen Angaben zwei Menschen schwer. Innenminister Bernard Cazeneuve sagte, die US-Amerikaner hätten möglicherweise ein «furchtbares Drama» verhindert.

An die 200 Thalys-Passagiere standen noch am Abend mit ihrem Gepäck am Bahnhof von Arras, ein grosses Aufgebot von Rettungskräften und Polizei war im Einsatz. Nach Angaben der französischen Bahn SNCF waren auch Psychologen zur Betreuung vor Ort.

Zum Motiv des Mannes gab es zunächst keine Angaben. In seinem Gepäck seien mehrere Schusswaffen entdeckt worden, verlautete aus Ermittlerkreisen. Die Terrorspezialisten der Pariser Staatsanwaltschaft übernahmen die Ermittlungen «angesichts der benutzten Waffe, der Umstände der Tat und des Kontextes», hiess es in einer Erklärung. Den Ermittlerkreisen zufolge handelte es sich bei der Waffe um eine Kalaschnikow.

Zu dem Mann lag demnach eine Geheimdienstakte vor, er soll marokkanischer Abstammung sein und in jüngster Zeit nach Syrien gereist sein. Frankreichs Staatspräsident François Hollande schaltete sich ein und versprach, es werde alles getan, um Licht in «dieses Drama» zu bringen. Hollande telefonierte am Abend mit dem belgischen Regierungschef Michel. Beide Regierungen arbeiteten in der Sache eng zusammen, teilte der Elysée-Palast mit. Michel sprach von einem «terroristischen Angriff».

Dank für «Kaltblütigkeit»

Der französische Innenminister Bernard Cazeneuve, der sofort nach Arras fuhr, sprach in einer Pressekonferenz vor Ort von «barbarischer Gewalt». Nach seinen Angaben handelte es sich bei einem der Verletzten um einen der US-Soldaten, die den Täter überwältigten. Er dankte den beiden für ihre «Kaltblütigkeit» und ihren Mut, die möglicherweise ein «schreckliches Drama» verhindert hätten.

«Alles wird getan, um Licht in dieses Drama zu bringen», versprach der französische Präsident François Hollande. Er vereinbarte mit Belgiens Premierminister Michel, bei der Aufklärung der Tat eng zusammenzuarbeiten.

Bei dem Vorfall wurde nach Angaben eines Augenzeugen auch der französische Schauspieler Jean-Hugues Anglade leicht verletzt. Der aus dem Kultfilm «Betty Blue» bekannte Akteur verletzte sich demnach, als er den Zugalarm auslösen wollte.

2015 bereits mehrere Anschläge in Frankreich

Auch wenn das Motiv des Täters vorerst im Dunkeln bleibt, dürfte der Vorfall die Beunruhigung in Frankreich nach mehreren radikal-islamisch motivierten Anschlägen in diesem Jahr erhöhen. Im Januar hatten drei Islamisten bei Anschlägen auf die Satirezeitung "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt in Paris 17 Menschen getötet.

Im Juni enthauptete ein 35-Jähriger nahe Lyon seinen Chef und brachte in einer Industrieanlage Gasflaschen zur Explosion. Auch in diesem Fall soll es Verbindungen zur IS-Miliz in Syrien gegeben haben.