Russland

Unheimlicher Nachbar: Nach der Ukraine nimmt Putin jetzt ein weiteres Nachbarland ins Visier

Innen schwach, aussen tough: Wladimir Putin.

Innen schwach, aussen tough: Wladimir Putin.

Russische Söldner versuchten allem Anschein nach, die Wahlen in Weissrussland zu stören. Das zeigt: Putin schreckt vor nichts zurück, um seine Schwäche zu verstecken.

Zwei Nachrichten drangen diese Woche aus dem russischen Riesenreich nach draussen. Eine gute und eine schlechte. Die (vermeintlich) gute: Moskau behauptet, schon bald einen Corona-Impfstoff auf den Markt bringen zu können.

Die Propagandamaschinerie des Kreml spricht von einem «Sputnik-Moment» – obwohl die Wirksamkeit des Heilmittels noch nicht nachgewiesen ist. Die schlechte: Trotz der desaströsen Lage im eigenen Land verzichtet Staatschef Wladimir Putin, 67, nicht auf gefährliche Machtspielchen.

Jüngstes Opfer von Putins unlauterer Aussenpolitik ist ausgerechnet das einst engverbündete Weissrussland. Etwas mehr als eine Woche noch dauert es bis zu den Wahlen (oder dem, was der seit 1994 regierende Machthaber Alexander Lukaschenko, 65, als solche bezeichnet) in Belarus.

Lukaschenko steht bereits als Sieger fest. Doch sein Plan wird jetzt empfindlich gestört. Am Mittwoch meldeten weissrussische Medien, dass Sicherheitskräfte 33 Kämpfer der russischen Söldnergruppe Wagner festgenommen hätten. Man habe Informationen, dass bis zu 200 Mann für Sabotageaktionen nach Weissrussland entsandt worden seien.

Wer nicht spuren will, wird’s spüren

Wagner ist ein russisches Sicherheitsunternehmen mit engsten Kontakten zum Militärgeheimdienst GRU und zu Putin. Und Wagner-Kämpfer tauchen immer da auf, wo ein Eingreifen russischer Truppen politisch zu heikel oder schlicht zu gefährlich wäre: zuletzt in Libyen, davor in der Zentralafrikanischen Republik, in Moçambique, in Syrien und der Ukraine.

Es ist das ukrainische Szenario, an das die Vorkommnisse in Weissrussland erinnern. Putin pocht seit langem auf eine tiefe Integration beider Staaten, die an die Selbstauflösung Weissrusslands grenzt. Zuletzt war dieser Streit massiv eskaliert. Dass Russland vor kriegerischen Interventionen nicht zurückschreckt, zeigen Putins Mannen seit der Einnahme der ukrainischen Krim 2014.

Konkret wirft die weissrussische Regierung den verhafteten Wagner-Söldnern vor, im Vorfeld der Wahlen für Unruhen gesorgt zu haben. Als erste Massnahme liess die Regierung die Grenzkontrollen zum riesigen Nachbarn verschärfen. Das wird die Beziehungen zwischen den beiden vermeintlichen Bruderstaaten weiter belasten.

Einen Freund hat Putin noch, einen mächtigen

Derweil werden auch in der ­Ukraine neue Warnrufe vor dem anhaltenden russischen Klammergriff laut. Im Frühjahr hatte es in Kiew Berichte über eine geplante Destabilisierung der Westukraine durch russische Kräfte gegeben.

Und als in der Vorwoche ein Geiselnehmer im westukrainischen Luzk einen Bus kaperte, während in der Stadt Ternopil ein Sprengsatz explodierte und am selben Tag in Kiew zwei Bomben entschärft wurden, liess das alle Alarmglocken schrillen.

Die Destabilisierungsversuche in Russlands Nachbarländern kann man als Zeichen von Putins Nervosität deuten. Trotz der Verfassungsänderung, die ihn noch mächtiger machte, hat die Coronakrise die Schwächen seiner Regentschaft blossgestellt. Russland gehört mit mehr als 800'000 Infizierten noch immer zu den schwerstbetroffenen Ländern der Welt.

Die Wirtschaft befindet sich im freien Fall. Fast die Hälfte der 145 Millionen Russen muss mit weniger als 190 Franken im Monat auskommen. Putins Zustimmungswerte sind von 89 auf 60 Prozent geschrumpft.

Nur einer hält ihm nach wie vor die Stange: US-Präsident Donald Trump, 74. In einem Interview mit der amerikanischen Newsplattform «Axios» bezeichnete Trump die Geheimdienstberichte über von Russland finanzierte Auftragsmorde an US-Soldaten in Afghanistan als «Fake News» und sagte, er habe Putin bis jetzt nicht darauf angesprochen. Aussenpolitisch, mindestens, läufts derweilen ganz gut für den Kreml.

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