US-Präsidentschaftswahlen

Trump und Biden liefern sich einen erbitterten Kampf um die Vorstädte

In den Suburbs der Grossstädte (hier in der Nähe von Charlotte, North Carolina) wohnt inzwischen die Hälfte aller Amerikaner.

In den Suburbs der Grossstädte (hier in der Nähe von Charlotte, North Carolina) wohnt inzwischen die Hälfte aller Amerikaner.

Die Suburbs standen einst für den «American Dream». Jetzt stehen sie im Zentrum des politischen Sturms. Warum?

Durch den Strassengraben verläuft eine unsichtbare Grenze. Auf der einen Seite angejahrte Einfamilienhäuser aus der Zeit, als das Dorf Ranlo noch von der Textilindustrie lebte. Auf der anderen eine Neubausiedlung, wie sie hier in der Agglomeration der Grossstadt Charlotte gang und gäbe sind. Gegen 650 Häuser befinden sich an Quartierstrassen mit Namen wie «Denali Court» oder «Everest Drive». Für etwas mehr als 200000 Dollar kann man sich hier den amerikanischen Traum vom Eigenheim erfüllen, inklusive Garage und etwas Umschwung.

Doch dieser Traum ist gerade massiv gefährdet – mindestens laut Donald Trump. Am Montag sagte er: «Die Demonstranten versuchen, die Vororte und den amerikanischen Traum zu zerstören. Sie wollen, dass da Sozialwohnungen gebaut werden. Das wird haufenweise Probleme verursachen, die Kriminalität wird zunehmen.» Viele Vorstädte sind Schauplatz von wüsten Ausschreitungen. Und sie sind der Hauptkampfplatz der Präsidentschaftswahlen. Schliesslich lebt heute schon jeder zweite Amerikaner in der Vorstadt.

Trump muss aufholen und setzt auf Angst

Zum Beispiel Katie Cordell. Sie wohnt in einem schmucken Haus inmitten der Vorstadt von Ranlo. Im Herbst gelang ihr der Sprung in die republikanisch dominierte Dorfregierung. Cordell ist daher bestens mit der Stimmungslage auf der anderen Seite des Strassengrabens vertraut. Sie weiss, dass die alteingesessenen Bewohner nicht begeistert sind über die neuen Bewohner, die die Welt mit anderen Augen betrachten. «Es ist nicht einfach», sagt Cordell über die Spannungen in Ranlo. «Bisher ist es uns noch nicht gelungen, diesen Graben zu überwinden.»

Der Graben aber wird immer tiefer – auch wegen Donald Trumps Wahlstrategie. Der Republikaner spricht vor allem die Wählerinnen in den Agglomerationen gezielt an und versucht, sie von seinem «Recht und Ordnung»-Kurs zu überzeugen. Bei den «Suburban Women» schürt er die Angst vor Kriminellen, die sich nach einem Wahlsieg der Demokraten in den Vorstädten breitmachen würden. Cordell verdreht die Augen. «Das stimmt einfach nicht», sagt sie.

Cordell ist mit ihrer Haltung zu Trump nicht alleine. In einer Umfrage des «Wall Street Journal» vom Juli sagten sechs von zehn Frauen in den Vorstädten, sie würden Biden wählen. Selbst Anhängerinnen des Präsidenten tun sich schwer damit, Trumps jüngste Kommentare zu verteidigen – obwohl der Republikaner 2016 in Gaston County 64 Prozent der Stimmen gewann. Die 59-jährige Jill etwa, die vor einem Supermarkt gerade eine Zigarettenpause einlegt, schüttelt den Kopf, wenn sie Trumps Behauptung hört, dass ein Präsident Joe Biden die Vorstädte zerstören werde. «Yeez» sagt sie dann, «hat der das wirklich gesagt?» Sie habe Trump 2016 noch gewählt, und jetzt werde sie den Eindruck nicht los, dass der Präsident jeden Tag immer dümmer werde.

Schon Nixon appellierte an die Vorstädter – mit Erfolg

Der Supermarkt befindet sich im Städtchen Belmont, etwa 15 Autominuten von Ranlo entfernt. Im herausgeputzten Zentrum des Ortes buhlen Boutiquen und Restaurants um Kundschaft. Alexa Callahan, 35, findet die Vorort-Gegend hier «radikal bezaubernd». Ganz anders spricht sie über die Wahlkampfstrategie von Trump. «Bedauernswert» sei das alles, weil der Präsident subtil an rassistische Vorurteile appelliere. «Trump hat schlicht keine Ahnung, wie eine moderne amerikanische Vorstadt aussieht.»

Auch die 59-jährige Teresa zeigt sich empört darüber, dass der Präsident derart offen an den Rassismus der weissen Bevölkerung appelliere. «Trump will doch bloss von seinen Versäumnissen bei der Bekämpfung der Pandemie ablenken», sagt Teresa. Sie trägt eine Gesichtsmaske, wie die meisten Bewohner von Belmont.

Der Demograf William Frey, der für die Washingtoner Denkfabrik Brookings Institution arbeitet, betont, Trump sei nicht der Erste, der aus politischem Kalkül die Vorstädter in Angst und Schrecken versetzen wolle. Der Präsident schlage ähnliche Töne an wie sein Vorgänger Richard Nixon, der in den 1970er-Jahren die Bewohner der damals mehrheitlich weissen Vorstädte vor einer Invasion «armer» Afroamerikaner aus den Grossstädten warnte. Heute aber seien die Vorstädte ein Mikrokosmos von Amerika, mit «reichen und armen» Bewohnern sämtlicher Hautfarben. Wenn jemand sage, er wohne in einem Vorort, sage dies über seinen sozialen Status nicht mehr viel aus.

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