Coronavirus

Südkorea dämmt auch die zweite Welle ein – was machen die Ostasiaten besser als wir?

Musterschüler in der Pandemie: In Südkoreas Hauptstadt Seoul ist das Maskentragen normal - nicht erst seit Covid-19.

Musterschüler in der Pandemie: In Südkoreas Hauptstadt Seoul ist das Maskentragen normal - nicht erst seit Covid-19.

Während in Europa die Coronazahlen steigen, kann Südkorea erneut eine Ausbreitung im Land aufhalten. Dabei hat auch das Land am Han-Fluss mit Schwierigkeiten zu kämpfen.

Von aussen betrachtet bringt Südkorea alle Eigenschaften mit, die bei Epidemiologen sämtliche Alarmglocken schrillen lassen: Die Hälfte der Bevölkerung von 51 Millionen lebt dicht beieinander auf einer Fläche, die etwa ein Viertel der Schweiz beträgt. Gleichzeitig ist das Land am Han-Fluss nicht nur geografischer Nachbar mit China, sondern auch ein enger Handelspartner. Die Voraussetzungen für die in Wuhan ausgebrochene Pandemie waren alles andere als optimal.

Und doch hat es Südkorea nun wieder einmal geschafft: Die zweite Coronawelle haben die Ostasiaten abwenden können. Den dritten Tag in Folge lagen die Infektionszahlen erneut im zweistelligen Bereich, am Dienstag meldeten die Gesundheitsbehörden nur 51 lokale Ansteckungen.

Das Lage drohte auch in Seoul zu kippen

Während in den meisten europäischen Staaten die Covid-Fälle wieder in die Höhe schiessen, ein erneuter Lockdown zumindest nicht mehr ausgeschlossen ist, scheint ein Blick auf die koreanische Halbinsel lehrreich: Wie hat es Südkorea geschafft, die Pandemie zu drosseln?

Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache. Insgesamt sind bis dato nur etwas mehr als 23'000 Personen an Covid-19 erkrankt und weniger als 400 daran gestorben. Dabei drohte auch in Südkorea die epidemiologische Lage wiederholt zu kippen: Unkontrolliert hat sich das Virus im Frühjahr in einer Sekte ausbreiten können, später ging ein weiterer Cluster von einem Schwulen-Club im Ausgehviertel der Hauptstadt Seoul aus.

Zuletzt waren vor allem freikirchliche Gemeinden und Demonstrationen Coronahotspots. Wie viele europäische Staaten muss das demokratische Südkorea, dessen Bevölkerung stolz auf sein Demonstrationsrecht ist, mit Regierungskritikern und Virus-Verharmlosern umgehen. Das Klischee, die Koreaner seien obrigkeitshörig, ist lediglich ein Klischee.

Südkoreas Erfolgsrezept ist ein Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren. So wurden Covid-Patienten nicht nur von Beginn an ausführlich über Kontaktpersonen interviewt, sondern auch gleichzeitig deren Bewegungsabläufe anhand von GPS-Daten via Smartphones und Kreditkarten-Transaktionen nachvollzogen. Die teils aggressive digitale Überwachung wird laut Regierungsumfragen von über 80 Prozent der Bevölkerung gutgeheissen.

Wirtschaft bricht wohl nur um ein Prozent ein

Ebenso schultert die staatliche Krankenversicherung sämtliche Quarantäne-, Test- und Behandlungskosten. Und als die Regierung im März zusätzliche Finanzmittel in Milliardenhöhe locker machte, geschah dies ohne grosse Verzögerung innerhalb von zwölf Tagen. Das Fiskalpaket beträgt nur rund 0,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts - weit weniger als etwa die Massnahmenpakete vieler europäischer Staaten.

Dennoch wird Südkorea laut OECD-Prognose für das laufende Jahr einen Wirtschaftseinbruch von lediglich einem Prozent verzeichnen. Grund dafür ist, dass Seoul niemals einen vollständigen Lockdown verhängen musste.

Konstant hat die Regierung genau kalibrierte Massnahmen gesetzt. Noch bis zum nächsten Sonntag gelten Abstandsregeln der Stufe 2, die Zusammenkünfte innerhalb von vier Wänden auf 50, Treffen im Freien auf 100 Personen begrenzen. Öffentliche Einrichtungen wie Museen und Bibliotheken sind vorübergehend geschlossen.

Ein wichtiger Faktor für den Erfolg ist jedoch ein kultureller: Das Tragen von Masken ist auch während herkömmlicher Grippe-Saisons durchaus Usus; mehr noch gehört es zur höflichen Geste, seine Mitmenschen nicht anstecken zu wollen.

Zusätzlich sind die Koreaner Virus-Epidemien auch aus der Vergangenheit gewohnt: Von SARS waren sie zwar nicht direkt betroffen, doch das MERS-Coronavirus tötete in keinem anderen Land mehr Menschen als in Südkorea. Das half in den Anfangstagen von Covid-19, als einem Grossteil der Bevölkerung der Ernst der Lage schnell bewusst wurde.

Meistgesehen

Artboard 1