Nur knapp hat die prächtige Kathedrale das Feuer überstanden; der Dachstuhl ist vollkommen zerstört, der Vierungsturm ist ebenso wie Teile der Gewölbekuppeln eingestürzt. Noch ist nicht absehbar, wie schwer die Schäden sind, die der Rauch und das Löschwasser verursacht haben.

Sicher ist allerdings: Der Wiederaufbau wird teuer. Der Architekt Jean-Michel Wilmotte schätzt die Kosten laut «Figaro» auf mehr als eine Milliarde Euro. Immerhin sind in der kurzen Zeit seit dem Brand auch beinahe eine Milliarde Euro an Spendenzusagen zusammengekommen, wie dieselbe Zeitung berechnet hat.

Ironischerweise könnte also ausgerechnet der verheerende Brand die Finanzierung einer vollumfänglichen Renovation des Gotteshauses sichern – und die war schon vorher dringend nötig. Denn die Notre-Dame ist schon seit Langem sehr baufällig. Verantwortlich für den beklagenswerten Zustand der Kathedrale sind – neben dem unerbittlichen Zahn der Zeit – die Luftverschmutzung, eine schlecht ausgeführte Renovation im 19. Jahrhundert sowie ein Hick-Hack zwischen Staat und Kirche – der Französischen Republik und dem Erzbistum Paris.

Dabei hat die Notre-Dame schon viel überstanden, seit 1163, als die Steinmetze mit ihrem Bau begannen. Besonders während der Französischen Revolution litt das Gebäude unter Vandalenakten. 1793 stürmten die Revolutionäre die Kathedrale und verwüsteten die Inneneinrichtung. 28 Königs-Statuen wurden vom Mob zerstört. Danach dämmerte das Gotteshaus allmählich dem Verfall entgegen, bis Victor Hugos Roman «Der Glöckner von Notre-Dame» dem Publikum die Schönheit des Bauwerks wieder vor Augen führte.

Nicht zuletzt dank dieser literarischen Schützenhilfe beschloss man 1844, das Gotteshaus umfassend zu renovieren. Die Arbeiten unter der Leitung von Eugène Viollet-le-Duc dauerten 20 Jahre. Damals wurde unter anderem der nun beim Brand eingestürzte Vierungsturm errichtet. Allerdings verbaute man bei dieser Restaurierung zum Teil minderwertige oder ungeeignete Materialien. So verwendeten die Restauratoren beispielsweise Zement, der im Gegensatz zum porösen Sandstein Wasser zurückhält. Dies begünstigt die Erosion des Mauerwerks.

Ein Wasserspeier, der sein Gesicht verloren hat.

Ein Wasserspeier, der sein Gesicht verloren hat.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschleunigte sich der Verfall, und der hauptsächliche Übeltäter dabei war – und ist – die Luftverschmutzung, namentlich durch Autoabgase. Es gibt kaum einen Teil der Fassade, der nicht durch Abgase verursachte Schäden aufweist. Besonders die ebenfalls im 19. Jahrhundert angebrachten charakteristischen Wasserspeier haben stark gelitten und teilweise ihre Gesichtszüge verloren.

Die mittelalterliche Bausubstanz hat der Erosion im Vergleich dazu besser widerstanden, aber der Verfall hat auch vor wichtigen Stützelementen wie den Strebebögen – sie stützen von aussen das Hauptgewölbe – nicht Halt gemacht. Das Mauerwerk ist bereits so stark angegriffen, dass ganze Steinbrocken herunterfallen. Schon vor dem Brand fürchtete man, dass die Sicherheit der Besucher bald nicht mehr gewährleistet sein könnte.

Die Luftverschmutzung hat dem Mauerwerk stark zugesetzt.

Die Luftverschmutzung hat dem Mauerwerk stark zugesetzt.

Trotz diesen Verfallserscheinungen wurde seit der Renovation von Viollet-le-Duc bis zum April 2019 keine umfassende Instandstellung mehr in Angriff genommen; einzig die Westfassade wurde in den Neunzigerjahren gereinigt. Die erstaunliche Vernachlässigung der wichtigsten Sehenswürdigkeit Frankreichs – sie wurde vor dem Brand jeden Tag von durchschnittlich 30'000 Touristen besucht – lag vor allen Dingen an den fehlenden Mitteln.

Das Gotteshaus befindet sich nämlich seit 1905, als in Frankreich durch das Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat alle Sakralbauten in Staatseigentum übergingen, im Besitz des Staates – doch die Erzdiözese von Paris darf die Kathedrale unentgeltlich nutzen. Die Kirche ging lange davon aus, dass der Staat als Eigentümer für Renovierungen zuständig sei, während der Staat sich auf das Abkommen berief, wonach er lediglich für den Unterhalt zu sorgen hatte. Zu diesem Zweck erhält die Erzdiözese vom Kulturministerium jedes Jahr mittlerweile rund vier Millionen Euro – dieser Betrag reicht jedoch bei Weitem nicht für eine Renovation des maroden Bauwerks aus.

Statuen, die normalerweise auf den Mauern der Notre-Dame beheimatet sind.

Statuen, die normalerweise auf den Mauern der Notre-Dame beheimatet sind.

Um Geld für die Instandstellung zu beschaffen, gründete das Erzbistum die Stiftung «Friends of Notre-Dame de Paris», die ab 2017 innerhalb von fünf bis zehn Jahren 100 Millionen Euro zusammenbringen sollte, vornehmlich bei amerikanischen Gönnern. Auch die Idee, von den Touristen Eintritt zu verlangen, wurde vorgebracht, dies nicht nur für die Notre Dame, sondern auch für den Erhalt der anderen französischen Kulturdenkmäler. Die Erzdiözese konnte sich für diesen Vorschlag nicht erwärmen; der Besuch der Kathedrale sollte kostenlos bleiben.

Wie viel Geld die Stiftung bisher zusammengebracht hat, ist unklar. Jedenfalls war sie noch weit vom Ziel der erforderlichen 100 Millionen entfernt. Gleichwohl begann im April 2019 die Restaurierung des Vierungsturms und einer Stützstrebe – bis der Grossbrand die Situation von Grund auf änderte.