Interview

Schweizer in Kalifornien: «Wir haben seit vier Tagen das Haus nicht mehr verlassen»

Der Himmel über San Jose war rot. Doch die Luft war besser als an manch anderem Tag.

Der Himmel über San Jose war rot. Doch die Luft war besser als an manch anderem Tag.

In Kalifornien brennen die Wälder. Eine Schweizer Familie ist in Übersee in ihr eigenes Haus eingesperrt. Im Interview spricht das Ehepaar Oggier über die Brände, die dortigen Corona-Regeln und Schulunterricht.

Wie geht es euch?

Leanne und Thierry Oggier [lachen]: Es könnte besser gehen. Wir haben seit vier Tagen das Haus nicht mehr verlassen.

Aber ihr seid durch die Feuer nicht direkt bedroht?

Nicht mehr. Das Feuer, das uns am nächsten kam, ist mittlerweile gelöscht. Am schlimmsten war es vor zwei Wochen. Da wüteten 15 Autofahrminuten westlich und östlich zwei der schlimmsten Waldbrände der kalifornischen Geschichte. Die Evakuationsgrenze kam uns immer näher und die Bewohner der Nachbarstadt erhielten bereits eine Warnung. Wir wurden aber verschont.

© CH Media

Und der Himmel? Ist der noch rot?

Nein. Das war nur an einem Tag so. Paradoxerweise war an dem Tag bei uns fast die beste Luft. Das Phänomen des roten Himmels hat mit den Windverhältnissen zu tun. Und für uns waren sie an dem Tag günstig.

Und jetzt ist die Luftqualität wieder schlechter?

Im Moment ist sie wieder gar nicht gut. Wie gesagt: Wir haben das Haus seit vier Tagen nicht mehr verlassen. Jeden Morgen stehen wir auf und checken auf der App, wie gut die Luft ist. Entscheidend ist der AQI [Air Quality Index, Anm. d. Red.]. Werte über 100 sind für Babys, wie wir eines haben, und Risikopersonen wie Asthmatiker ungesund. Ab 150 wird es grundsätzlich ungesund. In San Jose hatten wir zum Teil Werte von fast 300. Ab 300 wird es gefährlich.

Ist die Luft drinnen denn viel besser?

Ein bisschen. Um zuhause über wirklich gute Luft zu verfügen, benötigt man genug Luftfiltergeräte und einen speziellen Schwebstofffilter in der Klimaanlage. Wir haben ein Luftfiltergerät und … keine Klimaanlage.

Keine Klimaanlage? In Kalifornien?

Wir haben einen eigentlich äusserst praktischen Durchzugsschacht. Wenn man den öffnet, zieht es die gesamte warme Luft aus dem Haus. Den können wir aber im Moment nicht nutzen. Wir warten nur auf die Nacht, in der wir endlich den Schacht öffnen und kalte Luft ins Haus lassen können. Die Luftfiltergeräte sind natürlich ausverkauft.

200 Kilometer von San Jose entfernt wütet das Kincade-Feuer. Es ist einer von über 90 Grossbränden in Kalifornien. Der Grossteil davon wurde Mitte August durch Blitze entfacht. Während 72 Stunden schlugen über 12'000 Blitze ein.

200 Kilometer von San Jose entfernt wütet das Kincade-Feuer. Es ist einer von über 90 Grossbränden in Kalifornien. Der Grossteil davon wurde Mitte August durch Blitze entfacht. Während 72 Stunden schlugen über 12'000 Blitze ein.

Sind die Temperaturen im September überhaupt noch ein Problem?

Es folgt eine Hitzewelle auf die nächste. Vor zwei Wochen hatten wir 42 Grad und die Luft war richtig schlecht. Also riegelten wir alles ab und schlossen die Jalousien. Im Haus herrschten 32 bis 35 Grad. Es gab Zeiten, da lagen wir zu sechst in einem Raum um den Luftfilter herum. Wir befinden uns wegen Corona noch im Home-Office. Es sind nicht nur die Feuer. Corona erschwert die Situation zusätzlich.

Sind die Regeln in Kalifornien immer noch strikt?

Die Corona-Regeln werden zum Teil vom County erstellt. Wir leben in einem sehr «vorsichtigen» County. Seit dem 9. März haben wir Home-Office, und eine Woche später fing der Lockdown an. Die meisten Indooraktivitäten ausser Haus sind untersagt. Somit verbieten uns die Corona-Regeln, etwas drinnen zu unternehmen – und die Feuer verhindern, dass wir draussen sein können.

Sämtliche Schulen sind geschlossen?

Ja. Die älteste Tochter hat Schule per Videocall. Sechs Stunden pro Tag. Die Kinderkrippen wären eigentlich geöffnet. Aber nur unter der Vorgabe, dass die Zimmer immer durchlüftet werden. Das aber kann im Moment nicht gewährleistet werden. Deshalb sind jetzt auch die Kinderkrippen geschlossen – ausser sie bauen spezielle Filter in die Lüftungsanlagen ein. Unsere Krippe hat das zum Glück getan. So kommt wenigstens ein Familienmitglied aus dem Haus.

Der Himmel ist trüb, auf dem Wagen liegt eine Schicht Asche.

Der Himmel ist trüb, auf dem Wagen liegt eine Schicht Asche.

Gerade mit so kleinen Kindern stelle ich mir die Situation nicht gerade einfach vor.

Vor den Feuern konnten die Kinder während des Lockdowns wenigstens im Garten oder in der Garage spielen. Wir haben unsere Garage quasi zu einem Spielplatz umgebaut. Normalerweise toben sich die Kinder dort aus. Aber das fällt jetzt auch weg. Alles konzentriert sich aufs Haus. Wenn es zu bunt wird und der AQI nicht allzu hoch ist, lassen wir die Kinder jeweils eine halbe Stunde raus, um Energie loszuwerden. Das hilft. Wer eine halbe Stunde draussen ist, riecht allerdings wie ein Lagerfeuer. Barfuss kriegt man nach ein paar Schritten schwarze Fusssohlen und auf den Autos und den Gartenmöbeln liegt eine Schicht Asche.

Bereits 2018 gab es schlimme Brände. Erwartet ihr das nun jedes Jahr?

Wir hoffen, dass dies nur Ausreisser sind. Das Verrückte ist ja, dass die eigentliche Waldbrandzeit immer erst auf den November fällt. 2019 war okay. 2018 waren die tödlichen Campfires. Bekannte, die hier aufgewachsen sind, erzählen, dass sie sich an keine grossen Feuer während ihrer Kindheit erinnern können. Auch nicht an Temperaturen über 35 Grad. Es hat sich etwas verändert und es ist zu befürchten, dass dies das neue «Normal» wird.

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