Mord

Saudis verstricken sich in Lügengeflecht – «Der Kronprinz hasste Khashoggi»

Demonstrant mit einer Maske des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman (alias MBS) vor dem Weissen Haus.

Demonstrant mit einer Maske des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman (alias MBS) vor dem Weissen Haus.

Nach fast dreiwöchigem Leugnen versucht Saudi-Arabien die Ermordung des Journalisten auf der Botschaft in Istanbul als «Unfall» darzustellen. Und wirft damit neue Fragen auf

Die zu nachtschlafener Zeit verbreitete Erklärung des saudischen Generalstaatsanwalts wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. 18 Tage lang hatte das Regime in Riad steif und fest behauptet, Jamal Khashoggi habe das Generalkonsulat in Istanbul am 2. Oktober lebend verlassen. Erst nachdem die türkischen Behörden glaubhaft versichert hatten, die Todesschreie des saudischen Journalisten auf einer Audiodatei aufgezeichnet zu haben, musste das Wüstenkönigreich den Tod des prominenten Journalisten zugeben.

Es war aber «ein Unfall», behauptet Generalstaatsanwalt Scheich Saud al-Modscheb nun kaltschnäuzig, Khashoggi sei in einem durch eine hitzige Diskussion ausgelösten «Faustkampf» ums Leben gekommen. Dass sich der 59-jährige Feingeist prügelt, halten alle, die ihn kennen, für unvorstellbar. Gegen das aus Riad eingeflogene, 15 Mitglieder umfassende saudische Killerkommando, das einige Stunden vor dem Journalisten im Istanbuler Konsulat eingetroffen war, hätte er ohnehin keine Chance gehabt.

Khashoggi, das steht fest, sollte sterben. Es war ein vorsätzlicher Mord, der jetzt als eine Verkettung von unglücklichen Umständen verschleiert werden soll. Seine Leiche wurde bislang nicht gefunden. «Lokale Mitarbeiter», also vermutlich Türken, behauptete ein saudischer Offizieller gegenüber der «New York Times», hätten sich um die «Entsorgung der Leiche» gekümmert. Wo genau, wisse man nicht. Tatsächlich, so haben die Türken ermittelt, hatte der Forensiker im saudischen Killerteam die Leiche zerstückelt und die Einzelteile im Diplomatengepäck verstaut.

Auch die Anwesenheit des Forensikers im Istanbuler Generalkonsulat deutet auf einen kaltblütig geplanten Mord hin und nicht auf einen «Faustkampf». «Wäre Khashoggi dabei wirklich ums Leben gekommen, dann hätte man die Leiche den türkischen Behörden aushändigen können und sich damit viel Ärger erspart», betonen arabische Diplomaten in Beirut.

Stattdessen verstricken sich die Saudis in ein Lügengeflecht, aus dem sie ohne fremde Hilfe vermutlich nicht mehr herausfinden werden. Natürlich seien «Fehler gemacht worden», gibt die saudische Staatsanwaltschaft immerhin zu. Gegen 18 saudische Staatsbürger, die festgenommen worden seien, werde ermittelt. Zudem habe König Salman den stellvertretenden Geheimdienstchef Ahmed al-Asiri und Saud al-Qahtani, einen engen Berater von Kronprinz Mohammed bin Salman (alias MBS), entlassen.

Sollte der demente Monarch damit beabsichtigt haben, seinen Lieblingssohn zu entlasten, dann hat er vermutlich genau das Gegenteil erreicht. Denn Asiri, der als Sprecher der von Saudi-Arabien angeführten Koalition im Jemen-Krieg drei Jahre lang die Tötung von Zivilisten geleugnet hatte, auch wenn die Beweise eindeutig waren, gilt als enger Freund und Vertrauter von MBS. Ohne dessen Wissen hätte der in Westeuropa geschulte Asiri einen Auftragsmord niemals geplant, geschweige denn, wie am 2. Oktober geschehen, ein Killerkommando losgeschickt.

Trump stellt quasi einen Persilschein aus

Saud al-Qahtani war dagegen als ein «Mann für das Grobe» bekannt. Mit einem an Fanatismus grenzenden Eifer hält er seinem Boss den Rücken frei und sorgt dafür, dass Kritik am saudischen Thronfolger unterbleibt. Wer es dennoch tut, wird massiv unter Druck gesetzt. Davon konnte auch Jamal Khashoggi ein Lied singen, bevor er im September letzten Jahres überstürzt sein Heimatland verlassen hatte.

Aber auch Qahtani kennt seine Grenzen. Gegen renitente Journalisten konnte er ohne den Segen des Königshauses vorgehen. Doch Jamal Khashoggi war kein einfacher Berichterstatter, sondern unter den saudischen Dissidenten «der Staatsfeind Nummer eins», betonen arabische Quelle im Libanon übereinstimmend: «MBS hasste ihn, trachtete ihm nach dem Leben.» Sollte Qathani das Killerkommando losgeschickt haben, dann geschah dies mit dem ausdrücklichen Segen des Königssohnes.

Der wurde am Samstag von seinem Vater mit einem «Komitee zur Umstrukturierung der Geheimdienste» beauftragt. Diese sollen künftig noch enger mit MBS zusammenarbeiten. Freunde und Feinde beschreiben den Thronfolger als einen «Kontrollfreak». Es sei «absolut unvorstellbar», dass der 33-Jährige von den Ereignissen in Istanbul nicht gewusst haben soll.

Für US-Präsident Donald Trump spielen solche Einwände offenbar keine Rolle. Wenn einer wie er die so viele Fragen offenlassende Darstellung der Saudis für «glaubhaft» hält, dann stellt Trump damit MBS zunächst eine Art Persilschein aus. Der Druck auf MBS wird dennoch nicht nachlassen. «Der Mord von Istanbul», urteilt die BBC kurz und präzis, «wird MBS bis ans Ende seiner Tage verfolgen.» Sein Image sei «für immer ruiniert».

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