Hartnäckig sind sie, das ist unbestreitbar. Tausende von Gelbwesten gingen an diesem Wochenende nicht nur samstags, sondern auch sonntags auf die Strasse, um ihr dreimonatiges Bestehen zu feiern. Die Stimmung war gut, der Himmel blau – bloss: Sowohl die sozialen wie alle anderen Medien berichteten nur über die zunehmend düstere Kehrseite der Bürgerbewegung.

Genauer gesagt über zwei Videos. Auf dem einen filmt ein Polizeiwachtmeister von einem Beifahrersitz aus, wie sein Wagen minutenlang mit schweren Steinen beworfen wird. Er stellt die Sirene ein, um den Angreifern zu entkommen, bleibt aber zwischen zwei Autokolonnen eingezwängt. Die Fahrerin, eine junge Polizeiaspirantin, beginnt zu schluchzen, während es Steine hagelt. Ein vermummter Aggressor springt auf die Kühlerhaube. Endlich entkommt der Wagen dem Mob.

Heil geblieben ist auch Alain Finkielkraut. Der 69-jährige Philosoph wurde an einem Umzug der «gilets jaunes» im Pariser Montparnasse-Viertel von mehreren Gelbwestenträgern attackiert. Einer schrie: «Wir sind das Volk, Frankreich gehört uns!», gefolgt von: «Hau ab, Scheisszionist.» Die Polizei schützte den Vertreter der Académie Française, der für seine konservativen – andere sagen reaktionären – Ansichten landesweit bekannt ist.

Verbreiteter Antisemitismus

Im Nachgang äusserten zahlreiche Politiker, unter ihnen Präsident Emmanuel Macron, ihre Abscheu über die Attacke. Finkielkraut selbst erklärte, der Antisemitismus sei unter den Gelbwesten verbreitet und vereine Linksaktivisten, Banlieue-Bewohner sowie Anhänger des Rechtsextremisten Alain Soral. Nur wenige Stimmen wie der den Sozialisten nahestehende Anwalt Jean-Pierre Mignard erklärten, Finkielkraut habe «es gesucht», nachdem er schon 2016 das Linkshappening «Nuit Debout» aufgesucht habe.

Die Vorsteher sämtlicher Parteien, darunter auch Marine Le Pen sowie die Linkspartei «Das unbeugsame Frankreich» (LFI), verurteilten hingegen den Angriff. Der LFI-Parlamentarier Eric Coquerel präzisierte allerdings, er wäre nicht bereit, die Ausweitung des Antisemitismus-Tatbestandes mitzutragen. Der Macron-Abgeordnete Sylvain Maillard hatte zuvor einen Parlamentsvorstoss angekündigt, um nicht nur antijüdische, sondern auch antizionistische Aussagen unter die Strafnorm zu subsumieren.

Später wurde bekannt, dass der einen Bart tragende Hauptaggressor Finkielkrauts aus der salafistischen Szene stamme. Sein Name wurde vorerst nicht bekannt, was für Frankreich unüblich ist; die Staatsanwaltschaft kündigte aber die Eröffnung eines Strafverfahrens an. Am Montagabend war in Paris eine spontane Kundgebung gegen Antisemitismus geplant. Für Dienstag lädt die Sozialistische Partei alle Parteien – ausser die Le-Pen-Partei Rassemblement National – zu einem grossen Umzug mit dem gleichen Ziel ein.

Die schon letzte Woche geplante Aktion ist keine direkte Reaktion auf die Gelbwestenkrise, sondern auf die allgemeine Zunahme antijüdischer Akte um 74 Prozent in Frankreich. Trotzdem überlagert die Frage der Gewalt zunehmend die sozialen Anliegen der Bürgerbewegung. Die Boulevardzeitung «Le Parisien» titelte am Montag an ihre Adresse: «Genug von diesem Hass!» Der Historiker Denis Peschanski erklärte, er sei sprachlos über das «Ausmass an Hass» , das in seinem Land grassiere.

Schon vor diesen Vorfällen wendete sich erstmals eine Umfragemehrheit gegen die Gelbwesten: 52 Prozent der Befragten äusserten den Wunsch, dass die Bewegung ihre Aktionen abbreche. Viele Franzosen, die den Anliegen der «gilets jaunes» an sich positiv gegenüberstehen, goutieren nicht länger, dass extremistische Wort- und Rädelsführer die unorganisierte Bewegung in ein undemokratisches Fahrwasser führen. Davon zeugen die Angriffe auf den Wohn- oder Arbeitsort von über 60 Abgeordneten der Macron-Partei «La République en marche» in letzter Zeit.

«Frankreich in der Sackgasse»

Mit solchen rabiaten Aktionen schaden die «gilets jaunes» letztlich ihren eigenen Anliegen. Die durchaus pazifistische Mehrheit scheint machtlos gegen die Machenschaften der Ultras aller Gattung. Von Beginn weg hatte sie die samstäglichen Gewaltorgien auf den Champs-Élysées höchstens halbherzig verurteilt. Selbst die gewaltlosen Blockierer ländlicher Verkehrskreisel sagen mit einem gewissen Recht, dass sie es nur mit spektakulären Aktionen in die Medien schaffen. Diese – in Frankreich tolerierte – Ambivalenz gegenüber der Gewalt rächt sich heute, da die Bewegung ohnehin an Fahrt und Breitenwirkung verliert. Umso mehr gerät sie ins Fahrwasser weniger, aber sehr entschlossener Rechts- und Linksextremisten – und neuerdings von Islamisten.

Auffallend ist allerdings auch, dass Emmanuel Macron in den Umfragen kaum von der Abdrift der Gelbwesten profitiert. Der Staatschef bleibt unpopulär. Die von ihm anberaumte «grosse Debatte» über die sozialen und politischen Folgeentscheide weckt zudem im ganzen Land Erwartungen, die er angesichts der leeren Staatskasse kaum erfüllen kann.

Das ist nicht nur ein Problem für Macron: Das von der Gelbwestenkrise aufgeworfene Grundproblem – der zunehmende Abstieg der Mittelschicht – bleibt damit ungelöst. Dies dürfte erklären, warum die Gelbwesten bisher überhaupt drei Monate durchgehalten haben. Und auch wenn ihre Bewegung abflaut: Der Volkszorn bleibt intakt. So schnell kommt Frankreich wohl nicht aus der sozialpolitischen Sackgasse.