Am zentralen Soborny-Platz in der Hafenstadt Odessa scheint die Zeit stehen geblieben. Im Schatten der Bäume spielen Rentner im Freien Schach, entlang den Fusswegen werden wie zu Sowjetzeiten Gemälde von romantischen Sonnenuntergängen verkauft. In der hinteren Ecke des Platzes haben Parteien ihre Zelte aufgebaut. Wahlhelfer hoffen dort auf Laufkundschaft für ihre Flugblätter. «Geben Sie Leonow Ihre Stimme, er ist ein guter Mann!», wirbt Anna und drückt jedem Passanten eine grüne Zeitung in die Hand. Grün ist die Farbe der Hoffnung und zugleich die Farbe von Staatspräsident Wolodymyr Selenskij und seiner Partei «Diener des Volkes».

Casting-Kandidaten

Der bärtige Aleksej Leonow mit seinen abstehenden Ohren steht als Pappkartonpuppe vor dem Zelt. Neben ihm lächelt ebenso aus Karton Selenskij, der vor zwei Monaten in der Hauptstadt Kiew als Staatspräsident vereidigte TV-Komiker. «Neue Männer braucht das Land», wirbt Anna.

Aus 4000 Online-Bewerbungen will Selenskijs Partei ihre Kandidaten in Castings ausgewählt haben. Einziges Kriterium war, dass es keine bisherigen Abgeordneten sein durften. In Odessa starten in der Tat lokal wenig bekannte Köpfe für die Präsidentenpartei. Darunter sind Sportler, junge Geschäftsleute, sogar ein einstiger Obdachloser – und keine einzige Frau. Bürgermeister Gennadij Truchanow repräsentiert das Alte. Glaubt man den Wahlplakaten, so kandidiert in Odessa nur er.

Der angebliche Freund des im April abgewählten pro-westlichen Staatspräsidenten Petro Poroschenko hat zu dieser Wahl wieder seine russische Flagge herausgeholt: Nicht mehr Europa ist sein Ziel, sondern die Wiederannäherung an Moskau. Truchanow ist das Aushängeschild des «Oppositionsblocks», einer der beiden führenden pro-russischen Bündnisse, die am Sonntag zur Wahl antreten.

Bürgermeister Truchanow benötige dringend Immunität, wird in Odessa gemunkelt. Seit gut einem Jahr wird gegen ihn wegen Mafiakontakten ermittelt. Noch werde der Stadtherr in Kiew gedeckt, hört man in Odessa, doch sobald Selenskij die Staatsanwälte auswechseln könne, ginge es auch den vielen anderen korrupten Bürgermeistern in der Ukraine an den Kragen. Es ist die Korruption, die den «Volksdienern» so viel Zulauf verschafft. Von der Maidan-Revolution an die Macht gebracht, konnte Poroschenko diesem ukrainischen Grundübel in den letzten fünf Jahren nicht beikommen. Viele Ukrainer fühlen sich deshalb um die Früchte des mit hohem Blutzoll erkauften Maidan betrogen.

In Odessa hat diese Enttäuschung Selenskij bei den Präsidentschaftswahlen mit über 80 Prozent zu einem Spitzenresultat verholfen. Landesweit stimmten fast drei Viertel für den politisch völlig unerfahrenen Schauspieler. Schnell zeigte sich in Kiew, dass die alten Kräfte sämtliche Gesetzesvorlagen des neuen Präsidenten blockieren. Dabei half Selenskij auch keine Zusicherung, den bisherigen Kurs auf EU und Nato zu halten. Weder einen Aussenminister noch Geheimdienstchef konnte er berufen. Einzig die vom Ex-Komiker gewünschten vorgezogenen Neuwahlen legalisierte das Verfassungsgericht im Juni. Für Wahlkampf blieb kaum Zeit. Dies hilft Selenskij, dessen Partei «Diener des Volkes» erst im Entstehen ist. Sie kann vor allem von seiner Popularität als TV-Komiker zehren – sowie der Popularität der gleichnamigen TV-Serie über einen von Selenskij gespielten Lehrer, der unversehens zum Staatspräsidenten geworden ist, nun mit dem Velo ins Präsidialamt fährt und dort die wahren Probleme der einfachen Bürger löst.

Drei Minuten klinisch tot

Dass die Wirklichkeit viel komplizierter ist, weiss keiner so gut wie Michail Saakaschwili. Unter dem Slogan «Ein Georgier mit der Ukraine im Herzen» tritt der ehemalige Präsident des Kaukasusstaates am Donnerstagabend umringt von Hunderten lokalen Fans bei der berühmten Potemkin-Treppe von Odessa auf. Der von Poroschenko 2017 des Landes verwiesene ehemalige Gouverneur von Odessa ist mit seiner ukrainischen Partei «Bewegung Neuer Kräfte» zurück in seine Wahlheimat gekommen. Er giftet gegen Korruption und Oligarchen:

Neben Saakaschwili in einer schwarzen kugelsicheren Weste über seinem weissen Trachtenhemd steht Oleh Michailik, der lokale Spitzenkandidat. Knapp zehn Monate ist es her, dass auf den einstigen Maidan-Aktivisten ein Mordanschlag verübt wurde. «Ich war drei Minuten klinisch tot, diese Kandidatur bin ich Odessa schuldig», sagt Michailik im Gespräch, «die Hoffnung stirbt zuletzt».