Syrienkrieg

Nach Gewalt-Eskalation in Syrien: Türkei befürchtet eine Million Flüchtlinge

Hunderte Fahrzeuge stauten sich am Wochenende vor dem syrisch-türkischen Grenzübergang Bab al-Hawa, an dem Syrer gegen Ankaras Politik protestierten.

Hunderte Fahrzeuge stauten sich am Wochenende vor dem syrisch-türkischen Grenzübergang Bab al-Hawa, an dem Syrer gegen Ankaras Politik protestierten.

Die Gewalt in Syriens Norden eskaliert. Der Kampf um die Rebellenhochburg Idlib könnte einen weiteren Massenexodus auslösen.

Die USA und Russland gehen sich in Syrien meistens aus dem Weg. Der biblische Strom Euphrat dient als inoffizielle Trennlinie zwischen den Einflussbereichen der Weltmächte in dem Bürgerkriegsland: Westlich des Euphrat haben die Russen das Sagen, östlich des Flusses die Amerikaner.

Doch jetzt griffen die US-Streitkräfte mit Raketen ein Treffen mutmasslicher Dschihadisten in der Provinz Idlib an – tief im russischen Einflussgebiet. Die Geschosse trafen ein Ausbildungslager der Islamisten-Gruppe Hurras ad-Din wenige Kilometer nordöstlich von Idlib. Wie die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte, starben bei dem Angriff am Samstag mehr als 40 Dschihadisten, darunter Anführer von Hurras ad-Din und der Organisation Ansar al-Tawhid. Beide Gruppen gehören zum Umfeld des Terrornetzwerkes Al-Kaida. Die US-Streitkräfte behaupteten, der Militärschlag schwäche die Islamisten in ihrem Rückzugsgebiet im Nordwesten Syriens.

Massenprotest an türkischer Grenze

Die Aktion erschwert die Bemühungen um eine Stabilisierung der Provinz Idlib, die zum Ausgangspunkt einer neuen grossen Fluchtwelle aus Syrien werden könnte. Syrische Regierungstruppen rücken in Idlib mit russischer Hilfe im April gegen Rebellen vor. Die anhaltende Gewalt treibt Hunderttausende Menschen auf die geschlossene türkische Grenze zu. Die Auffanglager im Norden von Idlib sind überfüllt, viele Flüchtlinge müssen unter freiem Himmel schlafen, Wasser und Nahrung sind knapp. Der erwartete Herbstregen könnte die Lage für die fliehenden Menschen in den kommenden Wochen noch verschlimmern.

Am Freitag hatten am Übergang Bab al-Hawa mehrere tausend Syrer gegen die Türkei demonstriert: Sie warfen Ankara vor, die Menschen in Idlib nicht zu schützen. Laut Medienberichten verbrannten die Demonstranten eine Fahne mit dem Porträt des türkischen Präsidenten Erdogan.

Der amerikanische Raketenangriff belastet die ohnehin angespannte Lage in der Region zusätzlich. Russland kritisierte die US-Aktion als Bruch geltender Vereinbarungen. Weder die russischen Militärs noch die Türkei, die ebenfalls in Idlib militärisch aktiv ist, seien im Voraus über den Angriff informiert worden, erklärte das Verteidigungsministerium.

Amerikanische und russische Militärs hatten kurz nach Beginn des russischen Kriegseintritts im Jahr 2015 eine Vereinbarung geschlossen, die Konflikte zwischen den Luftwaffen beider Länder in Syrien verhindern soll. Russische Jets helfen im Westen Syriens der Armee von Präsident Baschar al-Assad, während US-Kampfflugzeuge östlich des Euphrat seit Jahren gegen den Islamischen Staat eingesetzt wurden. Zu der Abmachung gehörten die Nutzung spezieller Funkfrequenzen und die Einrichtung direkter Telefonverbindungen.

Der Streit nach dem US-Angriff vom Samstag zeigt, wie brüchig die amerikanisch-russische Einigung geworden ist. Schon im April 2017 setzte Moskau die Vereinbarung aus, um gegen einen amerikanischen Vergeltungsschlag in West-Syrien nach einem mutmasslichen Giftgaseinsatz der syrischen Armee zu protestieren. Bisher haben sich Moskau und Washington stets wieder zusammengerauft.

Neue Waffenruhe in Idlib bereits wieder gebrochen

Die US-Raketen schlugen nur wenige Stunden nach Beginn einer neuen Waffenruhe in Idlib ein. Russland und die syrische Armee hatten erklärt, sie stellten ihren Vormarsch in der Provinz – der letzten Rebellenhochburg in Syrien – bis auf Weiteres ein. Die Türkei, die wegen der Gefechte in Idlib einen Ansturm von bis zu einer Million zusätzlicher Flüchtlinge aus Syrien befürchtet, hatte ein Ende der Kämpfe verlangt.

Auch ohne den amerikanischen Angriff ist ungewiss, wie belastbar die jüngste Feuerpause ist. Frühere Waffenruhen waren nach kurzer Zeit neuen Gefechten gewichen. Auch diesmal soll die syrische Luftwaffe kurz nach Inkrafttreten der Feuerpause neue Angriffe in Idlib gestartet haben.

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