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Mutmassliche Schweizer Mafia-Zelle freigesprochen

Diese Szenen sorgten 2014 für Aufsehen: Ein Treffen der mutmasslichen Frauenferlder Mafia Zelle wird heimlich gefilmt.

Diese Szenen sorgten 2014 für Aufsehen: Ein Treffen der mutmasslichen Frauenferlder Mafia Zelle wird heimlich gefilmt.

Das oberste italienische Gericht hebt die Urteile gegen die Frauenfelder ’Ndrangheta Zelle auf.

Nach fünf Jahren Haft sind der 70-jährige Antonio N. und der 75-jährige Raffaele A. wieder auf freiem Fuss: Der Kassationshof in Rom hat die beiden Süditaliener am Freitag freigesprochen und ihre Freilassung angeordnet. Antonio N. und Raffaele A. waren im August 2014 bei einem Grenzübertritt von der Schweiz nach Italien von der italienischen Polizei verhaftet und anschliessend wegen Zugehörigkeit zu einer mafiösen Vereinigung zu langen Zuchthausstrafen verurteilt worden. Antonio N. war laut den Vorinstanzen der Kopf eines grösseren Ausland-Ablegers der ’Ndrangheta in Frauenfeld gewesen; Raffaele A. galt als dessen «rechte Hand».

Der Kassationshof hat nun entschieden, dass der Vorwurf der «mafiösen Vereinigung» nicht haltbar sei: Antonio N. und Raffaele A. hätten in der Schweiz keinerlei mafia-spezifische Gewalt- und Straftaten begangen. Weder hätten sie in ihrer Wahlheimat Privatpersonen, Politiker oder Unternehmer einzuschüchtern versucht, noch hätten sie mit illegalen Methoden öffentliche Aufträge ergattert. Dies wären aber laut dem italienischen Strafgesetzbuch die Bedingungen, um zu einer Verurteilung wegen «mafiöser Vereinigung» zu gelangen.

Das Ausland ist vor allem für Geldwäsche interessant

Für die Staatsanwaltschaft bestand dagegen kein Zweifel, dass es sich bei den beiden Männern um Mitglieder der kalabresischen Mafia handle. Die ’Ndrangheta habe in der Schweiz «Wurzeln geschlagen», und die Thurgauer Zelle habe eine «stabile Struktur» aufgebaut. Antonio N. und Raffaele A. sind in der Tat eng verwandt mit bekannten und einflussreichen ’Ndrangheta-Familien. Dass die beiden Männer im Thurgau jahrelang ein völlig unauffälliges Leben geführt hatten, ist laut Mafia-Experten ebenfalls ein typisches Merkmal der ’Ndrangheta-Ableger im Ausland.

Bei einem Treffen der Thurgauer Zelle in einem Boccia-­Club von Wengi in der Nähe von Frauenfeld, das heimlich von der Polizei gefilmt und 2014 veröffentlicht worden war, war unter anderem auch über Drogenhandel geredet worden. Nur: Bei Polizei-Razzien konnten bei den Mitgliedern der Zelle nie Rauschgift oder Waffen sichergestellt werden.

Das Urteil des Kassationshofes in Rom dürfte weitreichende Folgen haben, vor allem bei der Bekämpfung der Ausland-Ableger der Mafia. Denn die Aufgabe der Ausland-Zellen besteht nicht in der Einschüchterung ihrer Umgebung. Vielmehr dienen die ausländischen Zellen den Clans als Stützpunkte zur Geldwäsche, also für Investitionen des illegal verdienten Milliardenvermögens.

13 weitere Angeklagte warten auf ihren Prozess

Unmittelbare Folgen dürfte das neue Urteil für die übrigen Mitglieder der vermeintlichen Schweizer ’Ndrangheta-Zelle haben: Insgesamt umfasste sie neben Antonio N. und Raffaele A. 15 weitere Mitglieder, von denen 13 an Italien ausgeliefert wurden. Die meisten von ihnen warten in Gefängnissen auf das erstinstanzliche Urteil. Nach dem Entscheid des Kassationshofes dürften die Bezirksrichter nun wohl deutlich höhere Anforderungen bezüglich nachgewiesener Straftaten stellen, um die Angeklagten wegen «mafiöser Vereinigung» zu verurteilen.

Die kalabresische ’Ndrangheta gilt als die internationalste Mafia-Organisation. Laut den Anti-Mafia-Behörden existieren in Italien rund 150 Clans sowie mehr als 100 Metastasen im Ausland. Bezüglich ’Ndrangheta-Unterwanderung liegen Deutschland, die Schweiz und Österreich mit über dreissig Ablegern weltweit an der Spitze. Pro Jahr setzt die ’Ndrangheta rund 65 Milliarden Euro um – sie ist damit eines der grössten «Unternehmen» Italiens. Am meisten nimmt die Organisation mit Drogenhandel ein: Die ’Ndrangheta ist die wichtigste Abnehmerin der südamerikanischen Drogenkartelle und versorgt halb Europa mit Kokain.

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