Kommentar

Joe Biden kann aus seinem Keller zuschauen, wie Donald Trump sich selbst zerstört – aber wie lange noch?

Bücher als geistige Stützpfeiler: US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden in seinem heimischen TV-Studio.

Bücher als geistige Stützpfeiler: US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden in seinem heimischen TV-Studio.

In den Umfragen ist der Vorsprung des Demokraten Joe Biden auf Amtsinhaber Donald Trump stark gestiegen. Seine Geheimwaffe: zuschauen und schweigen. Spätestens wenn die Fernsehdebatten anstehen, wird diese Strategie nicht mehr möglich sein.

Wahlkampf heisst Wahlkampf, weil es in der Politik ums Kämpfen geht. Ob Gemeinderätin, Grossrat, Ständerätin oder US-Präsident: Wer ein Amt erobern oder verteidigen will, ist im Vorteil, je mehr Auftritte er hat, je öfter er in den Medien ist, je mehr Werbung er schaltet. Diese Regel ist banal, doch in den USA scheint sie zurzeit ausser Kraft gesetzt.

Präsident Donald Trump, 74, ist omnipräsent, in TV-Interviews, an Pressekonferenzen, neuerdings wieder in Stadien und natürlich auf Twitter. Sein Kontrahent, der Demokrat Joe Biden, 77, verzichtet wegen Corona auf öffentliche Auftritte. Im Keller seines Hauses hat er ein kleines Studio eingerichtet, aus dem er seine Videobotschaften über die sozialen Medien verbreitet, die allerdings nur wenig Beachtung finden.

Genau das entpuppt sich wider Erwarten als Bidens Trumpf. In den vergangenen Wochen stieg sein Vorsprung in den Umfragen. Sowohl die linksliberale «New York Times» wie der Trump-nahe TV-Sender Fox News sehen Biden zurzeit bei 50 Prozent der Wählerstimmen. Trump ist auf 36 Prozent gefallen.

In den Wackelstaaten, die Trump 2016 gewann, liegt er jetzt deutlich zurück

Landesweite Umfragen sind zwar mit Vorsicht zu geniessen, weil sich das Rennen in den Bundesstaaten entscheidet. Als Lehre aus dem Flop von 2016, als die Wahlforscher Hillary Clinton als Siegerin voraussagten, führen diese nun auch regional umfassende Umfragen durch, vor allem in Wackelstaaten wie Florida, Pennsylvania oder Michigan, die den Ausschlag geben und die vor vier Jahren Trump gewählt hatten.

Und siehe da: Auch hier liegt Biden deutlich vor Trump, mit 6 bis 10 Prozentpunkten. In den sonntäglichen Politshows der US-Fernsehsender war das vorgestern das Hauptthema. Auf «Fox News Sunday» riet ein Wahlkampfstratege dem Amtsinhaber, öfter zu schweigen: «Manch ein Republikaner wünscht sich, dass auch Trump in seinen Keller steigt.» Jedes Mal, wenn er sich äussere, mache er alles nur noch schlimmer.

Die US-Wähler sind unzufrieden, wie Trump auf die Polizeigewalt und die Rassenunruhen nach dem Tod von George Floyd reagiert. Ebenso, wie er die Coronakrise managt. Er verharmloste das Virus und hat nur eine Botschaft: die Wirtschaft schnellst möglich öffnen, damit wieder Jobs geschaffen werden.

«It’s the economy, stupid!» - das gilt jetzt nicht

Doch je lauter er sie hinausposaunt, umso mehr Ablehnung schlägt ihm entgegen, auch von seiner Kernwählerschaft, älteren weissen Männern. Selbst Arbeitslose, so zeigt die Wählerforschung, gewichten den Gesundheitsschutz höher als die Jobs. Trump aber setzt stur auf die Devise von Bill Clinton: «It’s the economy, stupid!» Auf die Wirtschaft kommt es an – das gelte eigentlich immer, schrieb die «New York Times» dazu, ausser in Kriegszeiten. Corona ist zwar kein Krieg, aber das Virus verändert die Prioritäten offenbar in einem ähnlichen Ausmass. In dieser Pandemie gibt es für die Amerikaner Wichtigeres als die Wirtschaft.

Wie absurd Wahlkampf in Zeiten von Trump und Corona geworden ist, zeigt, worauf republikanische Strategen jetzt hoffen – und was manche Demokraten fürchten: Dass die Umfragewerte für Biden wieder sinken, sobald er aus seinem Keller steigt. Dann treten Bidens Widersprüche und auch sein mangelhaftes Auftreten, inklusive Stottern und Aussetzer, wieder ins Bewusstsein der Bevölkerung.

Die Fernsehdebatten werden für Biden zur Stunde der Wahrheit

Angesichts von Trumps Unbeliebtheit müsste es 2020 eigentlich für jeden Gegenkandidaten ein Leichtes sein, den Amtsinhaber aus dem Weissen Haus zu jagen. Doch auch wenn es zurzeit sehr schlecht aussieht für ihn, so hat er noch nicht verloren. Biden wird sich nicht bis zum Wahltag vom 3. November darauf beschränken können, Trump beim Fehlermachen zuzuschauen. Spätestens in den Fernsehdebatten mit dem rhetorisch beschlagenen Trump wird die Stunde der Wahrheit kommen.

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