Die Bilder sind beeindruckend: Fast eine Million Menschen ziehen dicht gedrängt durch Hongkongs Hochhäuserschluchten. Lautstark und kämpferisch demonstrieren sie gegen ein Auslieferungsgesetz, das es ermöglichen soll, echte oder erklärte Straftäter an die Volksrepublik China auszuliefern. Denn dort lässt die autoritäre Führung ihre Kritiker auch gerne mal willkürlich einsperren. Das wollen Hongkongs Demonstranten nicht.

Es sind denn auch nicht nur junge Leute, die auf die Strassen strömen. Professoren, Lehrer und Anwälte mobilisieren zu den Protestaktionen ebenso wie Wirtschaftsverbände. Seit der Übergabe der ehemaligen britischen Kolonie an die Volksrepublik vor 22 Jahren waren in Hongkong nicht mehr so viele Menschen aus Protest auf der Strasse wie in diesen Tagen. Das sind bemerkenswerte Signale der Hongkonger Zivilgesellschaft. Sie beweisen einmal mehr: Der demokratische Geist ist ungebrochen. Die Chancen für eine Rücknahme dieses hochumstrittenen Gesetzes sind dennoch schlecht. Schlimmer noch: Hongkongs Demokratie insgesamt steht kurz vor dem Aus.

Dabei war das Versprechen einmal ein völlig anderes. «Ein Land, zwei Systeme» hatte die chinesische Führung den Bürgern Hongkongs versprochen, als Grossbritannien 1997 seine ehemalige Kronkolonie an China zurückgab. Für 50 Jahre sollten die Hongkonger die gleichen Rechte behalten dürfen, die sie unter britischer Administration gewohnt waren. Dazu gehören auch Wahlen, freie Meinungsäusserung und eine unabhängige Justiz.

Damals schien sich Peking daran halten zu wollen. China hatte sich wirtschaftlich geöffnet, politisch gab es Lichtblicke. Die chinesische Führung zeigte Interesse, nicht zuletzt auch von westlich beeinflussten Demokratien lernen zu wollen. Gross war die Hoffnung, das kleine Hongkong könnte die Volksrepublik positiv beeinflussen. Das Gegenteil ist nun der Fall. Die autoritäre Führung in Peking sitzt fester im Sattel denn je. Unverhohlen gibt sie nun die Politik in Hongkong vor. Die Wirtschaft der Stadt ist schon lange abhängig vom chinesischen Festland. Und nicht nur sie: Auch viele andere Staaten haben sich wirtschaftlich abhängig von China gemacht. Nicht einmal die westliche Staatengemeinschaft hält es für nötig, Kritik an der kommunistischen Führung für ihre Menschenrechtsverletzungen zu üben. Grossbritannien, eigentlich Garant für die Einhaltung des völkerrechtlichen Vertrags von 1997, ist wegen des Brexit nur mit sich selbst beschäftigt.

Eine Million Menschen auf den Strassen Hongkongs stellen für die Machthaber in Peking in diesen Tagen allenfalls eine Irritation dar. Sie erwarten von der ihnen ergebenen Regierung in der Sonderverwaltungszone Zucht und Ordnung. Und diese hat mehr Angst vor der Führung in Peking als vor ihren Bürgern auf der Strasse.

Um Hongkongs Demokratie ist es schlecht bestellt. Und der Westen trägt eine Mitschuld daran.