Coronavirus

Grösster Lockdown der Menschheitsgeschichte: Millionen Tagelöhner in Indien wissen nicht mehr weiter

Sie trifft der Lockdown besonders hart: Wanderarbeiter in Indien. Insgesamt sind 1,3 Milliarden Menschen von den Massnahmen betroffen.

Sie trifft der Lockdown besonders hart: Wanderarbeiter in Indien. Insgesamt sind 1,3 Milliarden Menschen von den Massnahmen betroffen.

Indien ist wegen des Coronavirus ein gelähmtes Land - und hat den Stillstand just bis Mitte Mai verlängert. Viele fürchten den Hungertod. Auch Budhu Bai.

Seit dem 24. März sitzt Budhu Bai mit ihrem Mann und ihren vier Kindern unter einem Maulbeerbaum und versucht, sich so wenig wie möglich zu bewegen. Es ist heiss und die 35-Jährige kann sich Durst nicht leisten. Sie weiss nicht, wann sie das nächste Mal etwas zu Essen und zu Trinken bekommen.

Sie ist eine von Hunderttausenden Wanderarbeitern, die in Indien gestrandet sind. Um zu verhindern, dass das Massensterben um sich greift, hat die Regierung am 24. März den grössten Lockdown aller Zeiten angeordnet. Die Auswirkungen sind massiv und könnten die 1,3-Milliarden-Nation um Jahrzehnte zurückwerfen.

Budhu Baimit mit ihrem Mann Pappu Adivasi und den vier Kindern im Dorf Bandha.

Budhu Baimit mit ihrem Mann Pappu Adivasi und den vier Kindern im Dorf Bandha.

Eigentlich wollte Budhu Bai jetzt auf den Feldern im Bundesstaat Madhya Pradesh Weizen ernten. Knapp vier Franken, hätte sie damit pro Tag verdient. Das hätte gereicht, um die Monsun-Zeit irgendwie zu überstehen. Doch dann kam der Lockdown, manuelle Erntetätigkeiten wurden verboten und Budhu Bai verlor von einem Tag auf den anderen ihre einzige Einkommensquelle. Seitdem lebt sie unter dem Maulbeerbaum und wartet darauf, dass Premier Narendra Modi das Land aus dem Koma holt. Kein fliessendes Wasser, keine Toilette, keine Perspektive.

Aufs WC geht sie nur noch nachts

Wenn Budhu Bai sich erleichtern muss, wartet sie, bis es dunkel ist. Denn auf den Feldern ist es schwer, vor den Blicken der anderen geschützt zu sein. Einmal am Tag stellt ihnen der Bauer, für den sie zuvor gearbeitet haben, etwas zu Essen hin. Es ist immer das Gleiche: Weizenmehl und Kartoffeln. Das Wasser, das sie sich in Kanistern holen, reicht gerade, um den Durst zu stillen und sich vor dem Essen die Hände zu waschen. Seife gibt es nicht.

Eine Hilfsorganisation hat Atemschutzmasken an die Menschen unter dem Baum verteilt. In der Hitze des Tages fällt es schwer, durch die Gaze zu atmen, und nachts rücken die Menschen so dicht zusammen, dass auch die Masken keinen Schutz bieten können.

Die Tagelöhner haben derzeit ganz andere Sorgen als Social Distancing. «Für mich ist der Lockdown schlimmer als der Virus. Ich kann nichts verdienen», erzählt sie während des Video-Calls. Mit diesen Sorgen ist die 35-Jährige nicht allein. Bis zu 40 Millionen Inder verdienen ihren minimalen Lohn als Wanderarbeiter. Ein Grossteil von ihnen verlor durch den Lockdown über Nacht die Arbeit und oft auch die an den Job gebundene Unterkunft.

Premier Modi hat den grössten Lockdown der Menschheitsgeschichte kürzlich bis zum 17. Mai verlängert.

Trotz allem: Unruhen wird es wohl kaum geben

Dabei habe die Regierung einen entscheidenden Fehler gemacht, findet Christian Wagner, Indien-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. «Sie hätten den Wanderarbeitern sagen müssen: Bleibt, wo Ihr seid. Wir werden euch dort versorgen.»

So hätte möglicherweise verhindert werden können, dass Wanderarbeiter den Virus in bis dahin nicht betroffene Regionen tragen. «Zwar hat Indien das grösste staatliche Lebensmittelverteilungs-Programm der Welt, aber es ist davon auszugehen, dass gerade jetzt viele Menschen durchs Raster fallen. Viele Wanderarbeiter stehen vor dem Dilemma: Sterben wir am Virus oder am Hunger», sagt Wagner.

Grössere soziale Unruhen befürchtet der Indienexperte dennoch nicht. «Dafür sind die Wanderarbeiter einfach zu verzweifelt. Im Zweifelsfall nehmen sie lieber die Mahlzeiten am Wegesrand an, statt sich einen aussichtslosen Kampf mit der übermächtigen Polizei zu liefern», sagt Wagner.

Auch Erntehelferin Budhu Bai hat nie einen Gedanken daran verschwendet, sich mit der Polizei anzulegen. Sie macht sich Sorgen, ob ihre Kinder satt werden. Heute. Und morgen.

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