«Manchmal muss man einfach mit demjenigen tanzen, der auf der Tanzfläche ist», sagte der niederländische Premier Mark Rutte kürzlich in Zürich bei seinem Plädoyer für mehr europäische Realpolitik. Wie das dann aussieht, konnte man übers Wochenende am ersten gemeinsamen Gipfeltreffen der EU mit den Staaten der Arabischen Liga beobachten.

Auch wenn der des Journalisten-Mordes beschuldigte saudische Kronprinz Mohammed bin Salman oder Omar al Bashir, der per internationalen Haftbefehl gesuchte Präsident des Sudans, fehlten: Am runden Tisch im ägyptischen Badeort Sharm el-Sheikh sassen den EU-Staats- und Regierungschefs noch immer einige umstrittene Figuren gegenüber.

Auf die Frage, ob ihm dies keine Bauchschmerzen bereite, meinte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker: «Wenn ich nur mit lupenreinen Demokraten reden würde, wäre meine Woche schon am Dienstag zu Ende.»

Im Zentrum der Kritik steht auch Gastgeber Abdel Fattah al-Sisi. Erst vor ein paar Tagen hat der ehemalige Militärgeneral eine Verfassungsänderung verfügt, die ihm eine neue Machtfülle und einen theoretischen Verbleib im Präsidentenamt bis 2034 verschaffen wird. Menschenrechtsorganisationen beklagen, mit al-Sisi sei die Repression schlimmer, als sie unter dem 2011 gestürzten «Pharao» Hosni Mubarak je gewesen sei.

Natürlich weiss man auch in der EU um die Zustände. Nichtsdestotrotz sucht man in Ägypten ganz realpolitisch den starken Partner in der Region. Einerseits im Kampf gegen islamistische Dschihadisten, wie sie auch auf dem Sinai aktiv sind. Am wichtigsten ist Europa aber Ägyptens Hilfe bei der Eingrenzung der irregulären Migration.

Effizienter Partner al-Sisi

Hierbei hat sich Präsident al-Sisi als hocheffizient erwiesen. Nicht nur, dass von den knapp 98 Millionen und im Durchschnitt 25 Jahre jungen Ägyptern kaum einer Richtung Europa das Land verlässt. Seit 2016 geht al-Sisi rigoros gegen Schlepperbanden vor und hat Ägypten des Status eines Transit-Landes enthoben.

Für den österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz ist Ägypten deshalb das «Vorzeige- land». Kurz musste aber auch eingestehen, dass das von der EU angestrebte Konzept sogenannter «Anlandeplattformen» zur Rückschaffung auf hoher See geretteter Migranten von den adressierten Ländern wie Ägypten mittlerweile als «Provokation» aufgefasst werde.

Als Provokation aufgefasst wurde anscheinend auch Jean-Claude Junckers Widerspruch gegenüber dem Generalsekretär der Arabischen Liga, Ahmed Aboul Gheit. Dieser versuchte das Thema Menschenrechte kleinzureden, worauf ihm Juncker entgegnete: «Ich war mit im Saal. Man sollte nicht den Eindruck erwecken, wir hätten nicht von den Menschenrechten gesprochen.» Präsident al-Sisi machte daraufhin klar, was er dazu dachte: «Wir lassen uns über Humanität nicht belehren. Wir respektieren Ihre Werte, also respektieren Sie die unseren.»