China

Gespenstisch leere Stadt wegen Corona-Virus: Wuhan wartet auf die Rückkehr zur Normalität

Eine Frau mit Mundschutz in Wuhan.

Eine Frau mit Mundschutz in Wuhan.

Im Epizentrum der Corona-Epidemie ist das öffentliche Leben eingefroren. Die Einwohner Wuhans kämpfen mit der Monotonie.

Einsam ist der Alltag in der 11 Millionen Metropole geworden. Timo Balz, mittlerweile der wohl letzte verbliebene Deutsche in Wuhan, hat seit Wochen abseits von seiner Frau und den zwei Kindern zu keinen anderen Menschen Kontakt. Nur alle paar Tage geht der gebürtige Schwabe zum Eingangstor seiner Wohnsiedlung, um zwei Kartons voll mit Eiern, Rüben und Paprika abzuholen. Bestellt werden die Essensrationen per Smartphone-App. «Selbst den Lieferkurier bekomme ich nicht mehr zu Gesicht», sagt der 45-Jährige, der als Professor für Fernkunde an der örtlichen Universität arbeitet.

Fast alle Ausländer haben das Epizentrum des Virusausbruchs bereits verlassen. Am Sonntag hat das Auswärtige Amt einen zweiten Evakuierungsflieger für deutsche Staatsbürger organisiert. Auch fünf Schweizer wurden letzte Woche ausgeflogen. Gründe die Stadt zu verlassen gibt es genug, schliesslich wütet das Corona-Virus fast ausschliesslich in Wuhan und der Provinz Hubei. 780 der bis Redaktionsschluss bestätigten 814 Todesfälle kommen aus der zentralchinesischen Provinz.

Experten rechnen mit Rückgang an Infizierten

«Es ist ein trauriger Tag. Zum ersten Mal gibt es mehr Infizierte und Tote als durch Sars», sagt der als «Virusjäger» bekannte Epidemiologe W. Ian Lipkin. Der US-Amerikaner half bereits der chinesischen Regierung vor 17 Jahren mit Sars fertig zu werden. Nun ist er erneut ins Land geflogen, um beratend dem Land zur Seite zu stehen. Telefonisch erzählt er kurz nach seiner Rückkehr in den USA von seinen Eindrücken – in Quarantäne, für die er sich 14 Tage lang im Staat New York begeben musste.

«Ende Februar werden wir in China einen dramatischen Rückgang an Infizierten beobachten – vorausgesetzt, dass die Quarantänemassnahmen wirksam waren», sagt der Wissenschafter. Zudem würde auch das bald einsetzende Frühlingswetter bei der Eindämmung der Erreger helfen: Das Virus verbreitet sich unter anderem in kleinen Tröpfchen, die Menschen beim Reden aussondern. Mit steigender Temperatur und Luftfeuchtigkeit würden jene Tröpfen schwerer und auf nicht mehr so weite Distanzen von der Luft getragen.

Corona dürfte erneut auftauchen

Ob die mediale Hysterie übertrieben ist? «Die Sorge hängt auch damit zusammen, dass es ein neuartiger Erreger ist», sagt Lipkin. Und fügt hinzu: «Doch natürlich ist es eine Tragödie. Und wahrscheinlich werden wir das Virus wohl auch wiederkehren sehen – im Gegensatz zu Sars, das bislang nicht noch einmal aufgetreten ist.»

Gründe gäbe es also genug für die Bewohner Wuhans, die Stadt zu verlassen. Timo Balz hat sich dennoch entschieden, in seiner Wahlheimat zu bleiben – seit elf Jahren ist es schliesslich sein Zuhause. «Es ist schon ein mulmiges Gefühl. «Die Ansteckungsgefahr dort, wo wir wohnen, halte ich jedoch für sehr gering», sagt Balz. In seinem Quartier seien zwar zwei Menschen bereits an dem Lungenerreger verstorben, doch angesichts der Anzahl der gesamten Infektionen ist dies eine eher geringe Zahl.

Tatsächlich, sagt Balz, habe sich die Lage entspannt: Die Lebensmittelversorgung sei zuverlässig, wenn auch von der Auswahl eingeschränkt. «Das Problem war, dass viele Angesteckte zu Hause bleiben mussten, weil sie in den Krankenhäusern zu Beginn keinen Platz mehr bekommen hatten. Das hat sich gebessert», sagt er. Seine zwei Kinder haben nun seit über einer Woche die eigenen vier Wände nicht mehr verlassen. Doch ab Montag soll etwas Abwechslung in den monotonen Alltag kommen: Dann beginnt nämlich die Schule – wenn auch nur online über Videokonferenz am Computer.

In der Hauptstadt Peking sollen im Laufe der Woche die meisten Geschäfte wieder eröffnet werden. Normaler Alltag lässt sich derzeit in der 21 Millionen Metropole nur schwer vorstellen: Das futuristische Ausgehviertel Sanlitun, das sich an Wochenenden zur Flaniermeile für hippe Millennials und die Neureichen verwandelt, zeigt sich noch am Samstag bis auf zwei Touristen mit Rollkoffern gespenstisch leer. An den Türen der gläsernen Geschäfte warnen kleine Zettel Neuankömmlinge davor, nur mit Atemschutzmasken Zutritt zu bekommen.

Doch die Kundschaft bleibt ohnehin aus: Eine Verkäuferin zwischen neonfarbenen Trainingsjacken und Baseball-Caps erzählt, in ihr Modegeschäft würden sich derzeit pro Tag höchstens eine Handvoll Leute verirren. In der Ecke einer amerikanischen Fast-Food-Kette hat sich lediglich ein älterer Herr in grauer Mao Mütze mit seinem Buch verzogen. Nur für einen kurzen Moment lüftet er seine Atemschutzmaske, um einen Keks zu verschlingen.

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