Der Täter, ein 25-jähriger Franko-Marokkaner, startete am Freitagmorgen in Carcassonne (Südfrankreich) einen regelrechten Amoklauf, der erst mit seinem Tod endete. Zuerst hielt er an seinem Wohnort einen Wagen an; mit Schüssen verletzte er den Fahrer, den er aus dem Auto zerrte, und tötete den Beifahrer. Auf seiner Fahrt schoss er darauf mit einer 9-Millimeter-Pistole auf vier Jogger der französischen Bereitschaftspolizei CRS; einen der Männer verletzte er per Lungenschuss schwer.

Danach fuhr der Täter in den kleinen Ort Trèbes (5000 Einwohner) und hielt vor dem Supermarkt «U». Nach Augenzeugen rief er «Allahu Akbar», als er das Geschäft stürmte und um sich schoss. Zwei Menschen starben, rund ein Dutzend wurde verletzt. Einzelne Kunden versteckten sich im Kühlraum.

Dreistündige Geiselnahme

Der Schütze bezeichnete sich offenbar als «ein Soldat von Daesh» (die Miliz Islamischer Staat, kurz IS). Er nahm mehrere Geiseln und verlangte im telefonischen Kontakt mit Antiterroreinheiten die Freilassung von Salah Abdeslam – dem einzigen Überlebenden der Pariser Anschläge von 2015 (130 Tote), dem derzeit in Belgien und später zweifellos auch in Frankreich der Prozess gemacht wird.

Im Verlauf der Verhandlungen bot sich ein Polizist der Eliteeinheit GIGN an, eine Geisel zu ersetzen. Der Attentäter nahm das Angebot an, merkte in der Folge aber nicht, dass das auf den Tisch gelegte Handy des Polizeileutnants eingeschaltet war. Damit konnte die Einsatzleitung vor dem Supermarkt mithören, was im Innern vorging. Nach etwa drei Stunden gab sie den Einsatzbefehl, offenbar, als der Attentäter um sich schoss. Der Elitepolizist Arnaud Beltrame wurde dabei schwer verletzt, der Attentäter durch Polizeischüsse getötet.

Diese Schilderung machte Innenminister Gérard Collomb kurz nach Ende der Geiselnahme vor Ort. «Niemand hätte gedacht, dass hier in dieser ruhigen Gemeinde jemals so etwas passieren würde. Aber die Bedrohung bleibt überall präsent.» Bei einem EU-Gipfel erklärte der französische Präsident Macron, er habe nie verhehlt, dass die Terrorbedrohung in Frankreich gross bleibe, auch wenn sie ihr Gesicht gewandelt habe: «Im Unterschied zu den Pariser Anschlägen von 2015, die aus Syrien gesteuert gewesen seien, schreiten heute gefährliche Individuen von sich aus zur Tat. Viele dieser Leute seien auch psychiatrisch registriert und leicht beeinflussbar.»

Der Attentäter stammt aus einer Einwanderer-Wohnsiedlung aus der Carcassone, die sonst wegen ihres mittelalterlichen Dekors Touristen aus der ganzen Welt anzieht. Redouane Lakdim, wie sein Name lautet, war offenbar nicht nur wegen Drogendelikten registriert gewesen, wie die Polizei zuerst verlauten liess: Er figurierte als «radikalisiert» in der so genannten S-Kartei.

IS übernimmt Verantwortung

Die Terrormiliz IS bekannte sich nur Stunden später zu dem Anschlag, was laut Experten auf eine gewisse Vorkenntnis schliessen lässt und die These eines «einsamen Wolfs» nicht unbedingt bestätigt. Die Geiselnahme erinnert die Franzosen schmerzhaft an die Szenen vor zwei Jahren im jüdischen Supermarkt «Hyper Cacher» in Paris-Vincennes (fünf Tote inklusive Angreifer). Die Zeitung Le Figaro hatte erst kürzlich berichtet, dass das ländliche Departement Tarn nördlich von Carcassonne zu den Gegenden mit dem höchsten Anteil von Jihadisten gehöre.

In den letzten Monaten war es in Frankreich zwar in Sachen Attentate ruhig geblieben. 2017 hatten allerdings radikalisierte Einzeltäter mit einem Messer in Marseille oder mit einem Hammer in Paris Zivilisten attackiert. Dazu verhinderte die französische Polizei nach eigenen Angaben zwanzig Anschläge im Verlauf des vergangenen Jahres.

Terrorismus-Gefahr in Frankreich seit Jahren hoch

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat die Attacke und Geiselnahme in Südfrankreich als islamistischen Terroranschlag bezeichnet. Der Angreifer habe drei Menschen getötet und 16 weitere verletzt, sagte Macron am Freitagabend in Paris.

Mindestens zwei Verletzte seien in einem schlimmen Zustand. Ein Polizist, der sich freiwillig als Geisel hatte eintauschen lassen, ringe mit dem Tod. «Er hat Leben gerettet», sagte Macron.

Frankreich war in den vergangenen Jahren mehrfach Ziel islamistischer Anschläge. Vor allem die Attacken von Paris 2015 und Nizza 2016 hatten das Land schwer erschüttert. Die Behörden sprechen regelmässig von einer weiterhin hohen Gefahr. Innenminister Collomb hatte Ende Februar berichtet, dass seit Jahrestag zwei Anschläge auf eine Sportstätte und auf Militärkräfte vereitelt worden seien.