Dannemarie

Frauenfiguren sorgen für Streit – Meinungsfreiheit oder Sexismus?

Silhouetten im Dorf Dannemarie sollen verschiedene Frauentypen repräsentieren. Völlig sexistisch, finden die einen. Völlig in Ordnung, finden die Anderen.

Silhouetten im Dorf Dannemarie sollen verschiedene Frauentypen repräsentieren. Völlig sexistisch, finden die einen. Völlig in Ordnung, finden die Anderen.

Feministinnen aus ganz Frankreich schauen auf das elsässische Dorf Dannemarie. Dort sorgen Frauenfiguren am Strassenrand für Aufsehen – und einiges an Ärger.

Viele Basler kennen Dannemarie von Velotouren. Es ist ein 2300-Seelen-Dorf bei Altkirch im Sundgau, mit Fachwerkhäuser, einigen Beizen, es wird noch Elsässisch gesprochen. In Dannemarie ist es friedlich. Eigentlich. Denn momentan ist es im Dorf am Brodeln, der Ort hat sich in zwei Lager gespalten, und Feministinnen aus ganz Frankreich schauen auf Dannemarie. Alles wegen ein paar Schilder, die der Bürgermeister des Dorfes aufstellen liess.

Geschenk zu Ehren der Frauen

Die Schilder wurden im Dorf anlässlich des Jahres der Frau aufgestellt, das in Dannemarie in diesem Jahr gefeiert wird. Insgesamt sind es 125 Stück. 6O davon sind menschengross und zeigen Silhouetten von Frauen. Die Figuren sind unterschiedlich. Einige Frauen sind schwanger, andere haben Einkaufstaschen am Arm oder räkeln sich mit gespreizten Beinen auf einem Stuhl. Die restlichen 65 Schilder zeigen Taschen, Stöckelschuhe, und rot geschminkte Lippen. Eigentlich als Blickfang gedacht, waren die Figuren vielen ein Dorn im Auge. «Eine Zurschaustellung von Klischees», ärgerten sich Einwohner von Dannemarie gegenüber der Zeitung L’Alsace. Auch feministische Gruppierungen störten sich an den Schilder. Viele äusserten ihren Ärger auf sozialen Netzwerken, wie das Frauenkollektiv «Les Effrontées», («die Unverschämten»).

«Les Effrontées» wollten die Figuren aus Dannemarie verbannen. Dafür gingen sie vor Gericht, und sie bekamen Recht: Das Verwaltungsgericht in Strassbourg entschied anfangs August, dass die Figuren auf Dannemarie verschwinden sollten. Sie seien «abwertend gegenüber Frauen», begründete das Gericht den Entscheid. Die Schilder würden Frauen auf Stereotypen reduzieren und als Sexualobjekte darstellen, so das Gericht. Und: «Die Darstellungen stellen einen Angriff dar auf das Prinzip der Gleichheit zwischen Frau und Mann.»

Kampf für die Meinungsfreiheit

Bürgermeister Paul Mumbach war damit nicht einverstanden. Er habe mit den Schildern «die Frauen beehren wollen», erklärte er gegenüber der Pariser Zeitung «Libération». «Wir sind sehr enttäuscht und verstehen die Aufregung nicht», so Mumbach. Er versuchte darum, den Richtern in Strassburg ein Schnippchen zu schlagen. Einwohner von Dannemarie sollten die Schilder bei sich in den Gärten und auf ihren Balkonen und Terrassen aufstellen. «So, dass sie von der Strasse aus sichtbar sind», forderte Mumbach laut einem Bericht in der Zeitung «Libération». Dabei sei er von den Einwohnern von Dannemarie unterstützt worden, so der Bürgermeister in einem Radiointerview mit dem Sender Europe1. «Und das Urteil haben wir so jedenfalls umgesetzt: Die Figuren sind aus dem öffentlichen Raum verschwunden». Das Gericht in Strassburg war anderer Meinung, und schickte eine neue Abmahnung nach Dannemarie: Die Figuren sollen auch aus den Gärten verschwinden.

Der Bürgermeister wollte das nicht akzeptieren. «Diese Extremistinnen wollen verhindern, dass wie unsere Stadt nach unseren Wünschen gestalten», sagt er im Interview mit Europe1 überzeugt. «Wir müssen uns
für die Rede- und Meinungsfreiheit einsetzen». Unterstützt wurde er von der Bewegung «Ne touche pas ma silhouette». Diese will «Solidarität mit Dannemarie zeigen und sich für die Kunst- und Meinungsfreiheit einsetzen», wie sie auf Facebook schreibt. Auf einer Homepage bieten sie T-Shirts und Schlüsselanhänger mit ihrem Slogan zum Verkauf an. Das Logo auf den Artikeln: eine nackte Frau, die sich in der Sonne räkelt. Ganz im Sinne der Meinungsfreiheit.

Mumbach kämpfe weiter für seine Figuren. Er zog den Fall an das Verwaltungsgericht in Paris weiter. Dieses kippte am Freitag den Entscheid aus Strassburg: Die Figuren dürfen wieder in die Strassen von Dannemarie zurückkehren.

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