Genau 100 Tage dauert es noch bis zum Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union. 100 Tage, um sich doch noch auf das 585 Seiten lange Austritts-Abkommen zu einigen. Angesichts des politischen Chaos in London steigen jedoch die Chancen, dass es damit nichts mehr wird. Was dann droht, wird gemeinhin als das «Endzeit»-Szenario beschrieben. Wegen des schlagartigen Austritts des Königreichs aus dem EU-Binnenmarkt könnte das Pfund abstürzen und es könnte zu Hamsterkäufen und einer Immobilienkrise kommen. Vor dem Eurotunnel in Calais und in Dover würden sich die Lastwagen kilometerweit stauen, britische Fluggesellschaften könnten gegroundet, Flüge von und ins Vereinigte Königreich eingestellt werden.

Aber auch für die EU hätte ein «No Deal»-Brexit gravierende Auswirkungen. Der Rechtestatus der 3,2 Millionen EU-Bürger im Königreich wäre völlig offen. Die Stabilität der Europäischen Finanzmärkte wäre gefährdet. Mit Grossbritannien eng verwobene Volkswirtschaften wie Belgien oder die Niederlande würden hart getroffen. Um das zu verhindern, haben die EU-Staats- und Regierungschefs bei ihrem Treffen vergangene Woche beschlossen, die Vorbereitungen auf einen «No Deal»-Brexit zu verstärken.

Auch Easy-Jet könnte betroffen sein

Heute veröffentlichte die EU-Kommission ihre vorläufigen Arbeiten. Sie identifizierte 14 Einzel-Massnahmen, die ein zeitlich und materiell strikt beschränktes Minimalprogramm bilden und bloss zur Anwendung kommen, wenn Grossbritannien exakt dieselben Regeln erlässt. Verhandelt wird nichts. Es geht darum, die schwersten Negativ-Auswirkungen auf die EU-Wirtschaft abzumildern. «Wir federn bloss das ab, was in unserem Interesse ist», sagt eine hohe EU-Diplomatin.

Demnach soll der grundlegende Flugverkehr zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich für die nächsten zwölf Monate gewährleistet bleiben. Britische Fluggesellschaften hätten aber kein Recht mehr, innerhalb der EU Flüge durchzuführen. Das könnte unter Umständen auch die britische Billig-Linie Easy Jet treffen, selbst wenn sie seit dem Brexit-Votum europäische Ableger gegründet hat. Beim Landverkehr soll britischen Speditionsbetrieben während neun Monaten die Lieferung von Waren in die EU erlaubt sein.

Im Finanzsektor sollen einige Bereiche, wie das zentrale Clearing von Derivaten, während zwölf Monaten per Äquivalenzerklärung vor gröberen Störungen bewahrt werden. Einige Zollerleichterungen beim Handel sind zwar vorgesehen. Die EU-Kommission weist die Mitgliedstaaten aber ausdrücklich darauf hin, die notwendigen Massnahmen für die Zoll-Kontrolle zu treffen.

Was den Aufenthaltsstatus von britischen Staatsbürgern und deren soziale Rechte angeht, schlägt die EU-Kommission einen «grosszügigen» und «pragmatischen» Ansatz vor. Ohne Austrittsabkommen obliegt die Handhabung aber ausschliesslich den EU-Mitgliedstaaten.

Zuoberst bei den vielen Unwägbarkeiten ist die Frage, wie beim «No-Deal» eine harte Grenze in der ehemaligen Bürgerkriegsregion Nordirland verhindert werden kann. Auch auf mehrmaliges Nachfragen wollten EU-Diplomaten darauf nicht eingehen. Denkbar ist, dass die EU sich bei einem «No Deal» auf ihre ursprüngliche Rückfallposition berufen würde, bei der Nordirland im Binnenmarkt verbleibt.

Unklar ist auch, was ein ungeregelter Brexit für das britische Protektorat Gibraltar bedeuten würde. Die EU-Kommission machte deutlich, dass es ohne ein Austrittsabkommen keine rechtliche Grundlage gibt, Gibraltar offiziell als UK-Territorium anzuerkennen. Damit würden auch die Notfallpläne keine Anwendung auf den Felsenzipfel in Spaniens Süden finden und Gibraltar noch härter vom Brexit getroffen werden als das restliche Grossbritannien.

Aber nicht nur in Brüssel, auch in London wurden die Vorbereitungen für einen «No Deal» hochgefahren. 2,2 Milliarden Euro hat die Regierung von Premierministerin Theresa May am Dienstag zu diesem Zweck freigegeben. In Informationsschreiben sollen Unternehmen dazu aufgefordert worden sein, ihre Lagerführung für allfällige Engpässe auszurichten. Sogar die Armee wird einbezogen: Für alle Fälle würden 3500 Soldaten abgestellt, um bei Bedarf die Behörden zu unterstützen.