Indonesien

Er wurde zu fünf Jahre Haft verurteilt – Westschweizer beteuert seine Unschuld

Jakub Skrzypski soll Freiheitskämpfer unterstützt haben. Deswegen hat ihn ein indonesisches Gericht wegen Verrates verurteilt. Aus seiner Zelle beteuert der Mann mit polnischen Wurzeln seine Unschuld.

Jakub Skrzypski könnte kaum isolierter sein. Er ist seit dem 2. November 2018 in einer kleinen Polizeizelle der Bergstadt Wamena eingesperrt. Die Stadt liegt auf 1900 Höhenmeter, im östlichsten Teil Indonesiens, umgeben von Urwäldern und 4000-Meter-Gipfeln.

Die spärlichen Quadratmeter der Zelle teilt der Lausanner polnischer Abstammung mit anderen Gefangenen.

Er sieht die Welt durch ein kleines Fenster und die Gittertür, die den Weg zum Flur des Gefängnisses zusperrt. «Mir wurde gesagt, dass die reguläre Haftanstalt in Wamena überbevölkert ist. Deshalb lebe ich hier. Ich darf nicht aus der Zelle raus und sehe kaum Tageslicht», sagt der 40-Jährige.

Dank seiner Anwältin konnte sich CH Media schriftlich mit ihm unterhalten: Über seine Haftbedingungen, die Gründe seiner Verurteilung zu fünf Jahren Haft wegen «Verrates am indonesischen Staat» und wieso er sich von Schweizer Medien missbehandelt fühlt.

Genaues Datum unbekannt. Am 2. Mai wurden die Angeklagten zu fünf respektive vier Jahren Haft verurteilt.

Jakub Skrzypski und Simon Magal während den Gerichtsverhandlungen.

Genaues Datum unbekannt. Am 2. Mai wurden die Angeklagten zu fünf respektive vier Jahren Haft verurteilt.

Ein anonymes Leben

Jakub Skrzypski liess sich 2008 in Lausanne nieder. Bis 2018  arbeitete er dort in einer Fabrik und setzte sich in der lokalen kulturellen Szene ein, wie etwa am «Lausanne Underground Film and Music Festival». Von Freunden wird er als grosszügiger Mensch beschrieben, der sich für «noble Zwecke» einsetzt. «Film und Musik sind meine grossen Leidenschaften», sagt er von sich selber.

Reisen gehört ebenfalls zu seinen Interessen. Seit zehn Jahren besucht er regelmässig Indonesien. «Mittlerweile habe ich viele Freunde dort.» Jakub Skrzypski hat auch eine sechsjährige Tochter namens Rhani, die auf der Insel Java lebt. Im Sommer 2018 hatte er sich vorgenommen, in West Papua Freunde zu besuchen und diesen Teil Indonesiens kennen zu lernen.

Jakub Skrzypski mit seiner Tochter Rhani

Jakub Skrzypski mit seiner Tochter Rhani

West Papua - Ein vergessener Konflikt

In West Papua herrscht ein seit 60 Jahren andauernder Konflikt. Seit dem Einmarsch des Militärs 1963 werden die einheimischen Naturvölker von der Jakarta-Regierung verdrängt und unterdrückt, während Widerstandsmilizen einen niederschwelligen Guerilla-Krieg gegen die Besetzungsmacht führen.

Indonesien hegt nebst territorialen auch finanzielle Interessen: In West Papua befindet sich die Grasberg-Mine, die grösste und profitabelste Goldmine der Welt. Die Regierung lässt eine freie Berichterstattung kaum zu. 2014 wurden zwei französische Journalisten verhaftet. Sie blieben zweieinhalb Monate im Gefängnis.

Indonesien - West Papua

Ein raues Pflaster also. Trotzdem wollte Jakub Skrzypski West Papua besuchen, unter anderem wegen seiner Facebook-Freundschaft mit einem Papua namens Simon Magal. Dieser gehört dem «Nationalkomitee West Papuas» an, einer politischen Partei, die sich für die Unabhängigkeit der Papua einsetzt. Skrzypski beginnt, sich für die lokalen Begebenheiten zu interessieren, macht Fotos und Filmaufnahmen, spricht mit Leuten, die sich mit dem Thema der Unterdrückung der Papuas befassen. Sein Reiseführer, Edward Wandik, gehört ebenfalls dem Nationalkomitee an.

Jakub Skrzypski mit einem einheimischen Stamm aus Papua

Jakub Skrzypski mit einem einheimischen Stamm aus Papua

Am 28. August 2018 werden die beiden von der indonesischen Polizei verhaftet. Kurze Zeit danach wird auch Simon Magal eingesperrt.Die indonesischen Behörden bezichtigen zuerst Skrzypski des Waffenschmuggels: Er soll versucht haben, Munition für die «West Papua National Liberation Army» zu kaufen. Skrzypski verneint diese Anschuldigung vehement: «Simon Magal hat mich da reingezogen. Er hat mir auf Facebook-Messenger unerwartet die Anfrage geschickt, ob ich nicht bei der polnischen Regierung Waffen für die Rebellen besorgen könnte. Aber er hatte vorher nie davon erzählt und ich habe es auch nicht weiter beachtet», erklärt Jakub Skrzypski.

Auf seiner Facebook-Seite finden die Ermittler aber Bilder, die die Theorie des Waffenhändlers verstärken. «Es waren Bilder von mir in einem Schiessstand im Waadtland, aber diese Bilder gehen zwei Jahre zurück.» Er posiert auch mit einem Defend Helvetia T-Shirt, auf dem ein Sturmgewehr abgebildet ist.

Die Beweise für den Waffenschmuggel fallen trotzdem zu kurz aus. Die Anklage lautet schlussendlich: Verrat, mit einer möglichen Haftstrafe von bis zu 20 Jahren.

5 Jahre Haft wegen Verrates

Am 2. Mai werden Jakub Skrzypski und Simon Magal zu fünf respektive vier Jahren Haft verurteilt. Skrzypski sieht sich als Opfer eines Scheinprozesses. «Das Verfahren war eine Farce. Es wurde absichtlich in Wamena durchgeführt, weil es isolierter ist.» Die Behörden sollen versucht haben, ihm die Wahl eines Anwaltes abzunehmen. «Ich wurde ermutigt, einen amtlich bestellten Anwalt zu nehmen. Ich musste damit drohen, einen Hungerstreik anzufangen, um frei wählen zu können.»

Während des Verfahrens sagte nur eine Person zu seiner Gunst aus. «Alle anderen waren zu eingeschüchtert.» Dafür wandte sich sein Reiseführer gegen ihn. «Er wurde kurz nach unserer Verhaftung wieder befreit und sagte dann gegen mich aus – da muss ein Deal stattgefunden haben.»

Seine Anwältin Latifah Anum Siregar hat Einspruch erhoben. Sie sieht ihn ebenfalls als Opfer eines politisch motivierten Prozesses.» Es gibt keine gültigen Beweise gegen ihn. Ich verteidige viele Klienten gegen dieselben Anschuldigungen, aber Jakub ist der erste Ausländer, der wegen Verrates schuldig gesprochen wurde.» Latifah Anum Siregar hofft, dass das Appellationsgericht ihrem Einspruch entgegenkommen wird. Skrzypski sagt aber: «Mir hat sie gesagt, dass in den seltensten dieser Fälle eine mildere Strafe ausfällt.»

Dabei hat er wenige andere Optionen. Das eidgenössische Aussendepartement kann nicht intervenieren, weil er kein Schweizer Staatsbürger ist. Die polnische Regierung versucht zwar, Druck auszuüben, bisher aber erfolglos. Der 40-Jährige hat jedoch noch nicht aufgegeben: «Ich muss freigesprochen werden. Ich will auch weiterhin meine Tochter besuchen können.»

Neonazi oder Adrenalin-Junkie?

Er fühlt sich aber von den Schweizer Medien vergessen und falsch porträtiert. Als seine Geschichte im «Blick» erschienen ist, entdeckte der Journalist auf seinem Facebook-Profil seltsame Sympathien: Der Pole ist mit Dominic Lüthard, Präsident der rechtsextremen Partei National Orientierter Schweizer, befreundet, folgt zahlreichen Seiten von konservativen und rechtsextremen Kreisen und auch vielen Gruppen, die sich mit «Reinformation» und Verschwörungstheorien befassen.

Simon Magal und Jakub Skrzypski während dem Prozess

Simon Magal und Jakub Skrzypski während dem Prozess

Die Zeitung «Le Temps» nahm die Information einer indonesischen NGO auf, wonach Skrzypski ein extremer Tourist sein soll, der gerne in gefährlichen Regionen reist und sich für die Angelegenheiten von unterdrückten Völkern begeistert. Beides weist er aber zurück: «Ich wurde als Neonazi oder als Extremtourist dargestellt. Beides ist falsch.»

Er selber bezeichnet sich als konservativ, identifiziert sich aber stärker über Kultur als über Politik. Er denkt, dass seine politischen Ansichten ihm in der Öffentlichkeit geschadet haben. «Vielleicht hätte ich lieber auf Facebook Bilder mit einem Che-Guevara-T-Shirt posten sollen», bemerkt er zerknirscht.

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