Die westlichen Hauptstädte sparten nicht mit grossen Worten. Von einem «historischen Meilenstein» sprach die britische Premierministerin Theresa May, der deutsche Aussenminister Heiko Maas lobte den Sieg als «wichtigen Schritt». Frankreichs Präsident Emmanuel Macron twitterte, eine «bedeutende Bedrohung» für Frankreich sei beseitigt worden. Und US-Präsident Donald Trump schwor, die Vereinigten Staaten würden so lange gegen die Terroristen kämpfen, bis diese völlig vernichtet seien.

Zumindest das bisherige «Islamische Kalifat» liegt seit dem Wochenende endgültig in Schutt und Asche. Nach tagelangem Bombeninferno kapitulierten am Samstag die restlichen Gotteskrieger, sechs Monate nach Beginn der Grossoffensive gegen ihre letzte IS-Bastion auf syrischem Boden. Fotos aus dem Städtchen Baghouz zeigten ein völlig verwüstetes Schlachtfeld übersät mit Leichen, ausgebrannten Autos, verkohlten Bäumen und zerfetzten Zelten. Auf den Dächern der zerschossenen Gebäude wehen jetzt die gelben Fahnen der Syrisch-Demokratischen Kräfte, die von den USA unterstützt werden. Damit endet nach der Befreiung des Irak im Dezember 2017 nun auch in Syrien die territoriale Existenz des «Islamischen Kalifates».

Überforderte Justiz

Mehr als 5000 Dschihadisten mit 24 000 Frauen und Kindern hielten sich zuletzt in Baghouz am Euphrat verschanzt, bis Anfang Februar ihr Massenexodus aus dem Kampfgebiet in die Gefangenschaft begann. Am Sonntag appellierten die syrischen Kurden erneut an die Regierungen rund um den Globus, ihre Dschihadisten zurückzunehmen. «Es gibt Tausende von Kämpfern, Frauen und Kindern aus 54 Nationen, nicht eingerechnet die aus dem Irak und Syrien. Sie sind eine schwere Bürde für uns und die internationale Gemeinschaft», erklärte Abdelkarim Omar, Aussenbeauftragter der syrischen Kurden. Nach seinen Worten ist die Justiz vor Ort völlig überfordert, die gefangenen Terroristen selbst vor Gericht zu stellen oder über Jahre in ihren Haftanstalten wegzusperren.

Insofern bedeuten die militärische Niederlage des IS und der Untergang des Kalifates noch lange nicht das Ende der Terrormiliz. Die meisten der IS-Gefangenen, auch ihre Frauen, seien «ohne Reue, verstockt und radikalisiert», erklärte kürzlich US-General Joseph Votel, Chef der US-Streitkräfte im Nahen Osten, Ost-Afrika und Zentral-Asien. Auch gehen die westlichen Militärplaner davon aus, dass sich unter der syrischen Zivilbevölkerung zahlreiche Schläferzellen versteckt halten, die nur auf Befehle für neue Anschläge warten.

Auf irakischer Seite haben die Anhänger des selbst ernannten Kalifen Abu Bakr Al-Baghdadi längst wieder Fuss gefasst, wo westlichen Schätzungen zufolge mindestens 15 000 Dschihadisten operieren. Kidnappings, falsche Strassensperren und Bombenanschläge häufen sich. Dagegen kommt der Wiederaufbau der zerstörten Städte kaum voran. 1,8 Millionen Menschen leben nach wie vor in Flüchtlingslagern, weil sie kein Dach mehr über dem Kopf haben. Obendrein spielen den Extremisten die chaotischen und korrupten politischen Verhältnisse in die Hände.

Für die siegreichen Kurden hingegen hat ihr spektakulärer Erfolg gegen den IS auch eine bittere Kehrseite, denn er könnte bald mit dem Verlust ihrer mühsam errungenen De-facto-Autonomie von Damaskus enden. Präsident Donald Trump will die verbündeten US-Truppen fast vollständig abziehen. Und das Assad-Regime, dessen Armee im Kampf gegen die Dschihadisten keinen Finger rührte, drohte bereits mit der Rückeroberung der nördlichen Kurdenregion. Die syrischen Kurden hätten nur die Wahl, ein «Versöhnungsabkommen» mit der Regierung zu schliessen, oder man werde das Gebiet mit Gewalt «befreien», erklärte erst vor wenigen Tagen der syrische Verteidigungsminister Ali Abdullah Ayoub.