Frankreich

Die Frau, die ihre gelbe Weste auszog – warum das Aushängeschild der Bewegung das Handtuch wirft

Vergangene Zeiten: Die Frontfrau der Gelbwesten auf den Champs-Élysées. Inzwischen nimmt Ingrid Levavasseur nicht mehr an Demonstrationen teil.

Vergangene Zeiten: Die Frontfrau der Gelbwesten auf den Champs-Élysées. Inzwischen nimmt Ingrid Levavasseur nicht mehr an Demonstrationen teil.

Sie war das Aushängeschild der «Gilets jaunes», jetzt wirft Ingrid Levavasseur frustriert das Handtuch. Ausdruck des Niedergangs einer hoffnungsvoll gestarteten Bürgerbewegung

Ingrid Levavasseur hat nur gut eine Stunde Zeit, bevor ihr Zug in die Normandie abfährt. Die 31-jährige Krankenpflegerin möchte die französische Hauptstadt so schnell und so weit wie möglich hinter sich lassen. Warum? «Ich kann nicht sagen, dass meine Erfahrungen hier sehr angenehm waren», meint die junge Frau. Nein, es sei sogar «hyper-violent» gewesen, knallhart, verbessert sie sich.

Viele Gäste im Bistro beim Gare Saint-Lazare schauen sich um, als die Frau mit den langen roten Haaren eintritt. Ingrid Levavasseur ist in Frankreich ein Name, vor allem ein Gesicht. Die Pionierin in Warnweste war bei den Ersten gewesen, die Ende des letzten Jahres einen Verkehrskreisel südlich von Rouen sperrten. Als die Fernsehreporter eintrafen, erzählte sie ihnen, wie es die Leute in der Gegend immer schwerer hätten, zum Monatsende hin über die Runden zu kommen.

Die ruhige, klar argumentierende Französin widersprach völlig dem gängigen Bild der schimpfenden Autofahrer, die Radarfallen zerstörten und auf den Champs-Élysées Pflastersteine warfen. Bald wurde sie in die wichtigsten Fernsehsendungen eingeladen. Mit fester Stimme erklärte sie, Macron verachte die kleinen Franzosen, für die es wichtig sei, nicht fünf Euro mehr Steuern zu bezahlen, sondern im Gegenteil 50 Euro mehr zu verdienen. Während ihre Kumpels mit den gelben Westen den anderen Politikern über den Mund fuhren, blieb die junge Frau stets höflich, aber umso unnachgiebiger in der Sache.

Ohne ihre Geschichte auszuschmücken, erzählte die rothaarige Pflegerin der Fernsehnation, wie sie in ihrem Normandie-Nest mit einem Monatssalär von 1250 Euro lebe. Dazu bezieht sie ganze 95 Euro an Sozialhilfe, obwohl sie seit ihrer Scheidung allein zwei Kinder im Grundschulalter aufzieht. An den Protestaktionen in Paris konnte sie nur teilnehmen, weil ihr die Mutter finanziell aushalf.

Ziel Europawahl

Das überzeugte die Franzosen mindestens so sehr wie ihre Ausführungen über den schleichenden Verlust der Kaufkraft für die Geringverdiener. Im Januar kündigte die Normannin an, sie werde bei den Europawahlen im Mai eine «gelbe» Wahlliste bilden, um den Anliegen der Gilets jaunes Gehör zu schaffen. «Um politisch etwas zu erreichen, ist es unerlässlich, sich zu organisieren», erklärte sie jenen Mitstreitern, die die Hände von der Politik lassen wollten. Ihre Liste mit dem Namen «Sammlung der Bürgerinitiative» (RIC) erhielt in Umfragen aus dem Stand bis zu 13 Prozent.

Das gefiel nicht allen. Nicht einmal allen Gelbwesten. «Mit einem Mal wurde ich persönlich angegriffen und in den sozialen Medien schlechtgemacht», erinnert sich Levavasseur. «Plötzlich kam der ganze Macho-Aspekt der Bewegung hoch. An einem Umzug wurde Levavasseur als «Dreckhure» beschimpft und körperlich so lange bedrängt, bis ihre Begleiter sie herausfiltern mussten. Radikale Gelbwesten und «Unbeugsame» riefen ihr nach, sie sei eine «Agentin Macrons».

Den tieferen Grund für die persönlichen Attacken sieht Levavasseur darin, dass sie mit ihrer Liste sowohl Jean-Luc Mélenchons Unbeugsamen als auch den Rechtspopulisten – die alle von der Gelbwestenkrise zu profitieren hoffen – Stimmen wegzunehmen drohte. «Die extremistischen Parteien haben die Bewegung der ‹Gilets jaunes› völlig unterwandert. Viele Exponenten sympathisieren mehr oder weniger offen mit Mélenchon oder Le Pen. Ich habe an den Demos viele Mitglieder dieser Parteien getroffen – und die wurden seltsamerweise nie ausgebuht wie ich.»

Sogar ihre Liste erwies sich bald als durchlässig: Ihr Sprecher Christophe Chalençon äusserte Sympathien für rechte Ideen wie den Einsatz «paramilitärischer Kräfte», um die Macron-Regierung zu stürzen. Ohne die Listengründerin zu informieren, lud er Luigi di Maio von der italienischen «Fünf-Sterne-Bewegung» nach Frankreich ein und liess sich mit ihm ablichten. Von ihren eigenen Mitstreitern desavouiert, gab Levavasseur den Rückzug aus ihrer Liste bekannt.

Spuren des Abstiegs

Ihr Entscheid hat auch Aussenstehenden das chaotische Innenleben der «Gilets jaunes» drastisch vor Augen geführt. Er zeugt vom Niedergang einer Bewegung, deren erste Forderung nach einer Benzinsteuersenkung landesweit sehr populär gewesen war. Am letzten Samstag haben nur noch 22'000 Gelbwesten demonstriert. Zunehmend radikalisiert, pflegten sie auch Kontakte zum Schwarzen Block, meint Levavasseur, die selbst nicht mehr an den Umzügen teilnimmt. «Ich will mich nicht ständig gegen den Vorwurf verteidigen, ich übte Verrat an der Bewegung, ich sei nicht ‹legitim›. Jetzt gebe ich es auf, obwohl ich sicher legitimer bin als die verdeckten Trittbrettfahrer der Parteien.»

Die Normannin will lieber in ihrer Region einen Verein für alleinerziehende Mütter gründen. Bei den Kommunalwahlen von 2020 gedenkt sie mit einer Partei namens «demokratisches Erwachen» anzutreten. «Das Leiden und der Zorn der Landbevölkerung bleiben intakt», meint sie. «Wenn dagegen nicht wirklich etwas unternommen wird, ist die nächste soziale Explosion programmiert.» Nach einem Blick auf die Uhr springt Levavasseur auf: Ihr Zug wartet, um sie in die Normandie und zu ihrer Familie zu bringen. In Paris, wo sie zwei Monate lang ein Medienstar war, hält sie nichts mehr.

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