Kommentar

Der Verrat ist missglückt: Trumps Geister bringen die Demokratie nicht zu Fall

Wohin solls gehen, Herr Präsident? Donald Trump führt das Land in seinen letzten Tagen im Amt in eine gefährliche Richtung.

Wohin solls gehen, Herr Präsident? Donald Trump führt das Land in seinen letzten Tagen im Amt in eine gefährliche Richtung.

Der Auftritt des US-Präsidenten vor dem Weissen Haus war der Auslöser für einen noch nie dagewesenen Angriff auf die amerikanische Demokratie. Er ging schief – zum Glück.

Der lauteste Mann der Welt ist verstummt – weil Twitter seinen Account gesperrt hat. Das ehrwürdige Kapitol in Amerikas Hauptstadt ist geschändet – weil die Sicherheitsleute den wütenden Mob nicht aufhalten konnten. Und doch ist die stolzeste Demokratie der Erde vorerst gerettet – weil im entscheidenden Moment auch die ehemaligen Verbündeten des US-Präsidenten vom fehlgeleiteten Trump-Zug abgesprungen sind. Das ist das vorläufige Fazit einer Nacht, die Washington nie vergessen wird.

Dass Donald Trump im Winter seiner politischen Karriere noch einmal einen Gang höher schaltet und die Hemmschwelle noch einmal tiefer legt, hätte ihm zuletzt fast niemand mehr zugetraut. Die vergangenen Wochen hat er sich faktisch aus seinem Amt verabschiedet, kaum noch regiert, tagelang Golf gespielt und sein Team weiter völlig abstruse Theorien über tote Wähler und manipulierte Wahlmaschinen verbreiten lassen. Zuletzt machten Gerüchte die Runde, Trump wolle den Tag der Amtseinseinsetzung von Joe Biden in zwei Wochen auf seinem Golfplatz in Schottland verbringen, fernab der Hauptstadt, die an diesem Tag zu einer Bühne für die friedliche Übergabe der Macht von einer gewählten Regierung an die nächste werden sollte.

Die eigenen Anhänger angestachelt

Doch dann meldete sich Trump mit einem Paukenschlag zurück. Hinter Panzerglas und vor einer aufgebrachten Menge präsentierte er sich als Held der Ungehörten und forderte die Masse auf, den «schwachen Republikanern Stolz» einzuflössen. Er sagte wörtlich: «Wir werden gegen das Kapitol marschieren. Und ich werde mit euch da sein.»

Natürlich hat der noch immer mächtigste Mann der Welt auch diesmal nicht Wort gehalten. Er hat sich im Weissen Haus verschanzt, während die von ihm aufgepeitschte Meute das Parlamentsgebäude stürmte. Warum die Sicherheitskräfte die paar hundert selbsternannten «Gesandten Trumps» nicht stoppen konnten, ist nur eine der Fragen, die sich Amerika in den kommenden Tagen wird stellen müssen.

Letztmals stürmten britische Truppen das Kapitol

Was bleibt, sind die Bilder von verkleideten Spinnern in den heiligen Hallen der US-Demokratie; die Fotos von Radikalen, die ihre Stiefel respektlos auf die Schreibtische der Parlamentspräsidentin Nancy Pelosi legen; die Aufnahmen von mutigen Polizisten, die die Türen zu den Parlamentssälen verbarrikadierten und sich den Irren in den Weg stellten.

207 Jahre ist es her, seit das Kapitol 1814 zum letzten Mal gestürmt wurde – nicht von verblendeten Radikalen, sondern von britischen Truppen. Das Ziel aber war damals dasselbe wie am Mittwoch: Die Eindringlinge wollten das amerikanische Demokratie-Experiment beenden. Beide sind gescheitert.

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