Twitter-Chef

Der Mann, der Donald Trump abschaltete: Jack Dorseys Erfindung sorgt seit Jahren für riesige Kontroversen

Im November 2020 nahm Twitter-Boss Jack Dorsey per Videoschaltung aus seiner Küche an einer Anhörung vor dem US-Senat teil.

Im November 2020 nahm Twitter-Boss Jack Dorsey per Videoschaltung aus seiner Küche an einer Anhörung vor dem US-Senat teil.

Twitter-Chef Jack Dorsey wurde mit seiner 140-Zeichen-Erfindung schwerreich – und unglaublich mächtig.

Als sich Jack Dorsey letztmals in der Öffentlichkeit zeigte, sah er aus wie ein Rockstar: Vollbart, Nasenring, gestyltes Haupthaar. Das war im November, zwei Wochen nach der Präsidentschaftswahl, in der Dorseys Firma – der Kurznachrichtendienst Twitter – erneut eine wichtige Rolle gespielt hatte. Anlass war eine Anhörung im Senat in Washington, die sich auch um die Frage drehte, ob «Big Tech» ungebührlich Einfluss auf den Wahlkampf um das Weisse Haus genommen habe.

Dorsey, der sich aus der Küche seines Hauses in die Anhörung zuschaltete, wies diesen Vorwurf zurück. Der 44-jährige Amerikaner räumte zwar ein, dass seine Firma nicht jede Krise perfekt gemeistert habe. Den Vorwurf, Twitter unterdrücke die freie Meinungsbildung, wies Dorsey aber entschieden zurück.

Den Zensur-Vorwurf hört der Internet-Pionier, dessen Vermögen auf rund 13 Milliarden Dollar geschätzt wird, seit Twitter ein Massenphänomen wurde. Figuren wie Donald Trump, der Twitter lange Zeit als primären Kommunikationskanal nutzte, haben Dorseys Netzwerk zu einer der meistgenutzten Social-Media-Plattformen der Welt gemacht. So laut wie jetzt aber war der Vorwurf noch nie.

Trump war nur die Nummer 6 auf Twitter

Dorseys Entscheidung, Donald Trump nach den Ereignissen vom 6. Januar in Washington lebenslang von Twitter zu verbannen, hat eine heftige Debatte über die freie Meinungsäusserung im Internet entfacht. Trumps Twitter-Konto lag vor seiner Löschung mit mehr als 88 Millionen Followern auf Rang sechs der einflussreichsten Accounts – knapp vor Taylor Swift (88 Millionen Follower) und hinter Cristiano Ronaldo (90,3 Millionen Follower) und bis zuletzt abgeschlagen hinter dem meistgefolgten Twitter-Nutzer: Barack Obama (128 Millionen Follower).

Dorsey aber kann die Kritik nicht mehr hören und verweist immer wieder darauf, dass sein Vater ein konservativer Republikaner gewesen sei und seine Mutter sich am «anderen Ende» des politischen Spektrums positioniert habe. Er habe von Kindesbeinen auf gelernt, unterschiedliche Meinungen zu tolerieren. Eine Grenze ziehe Twitter, wo offen zu Gewalt aufgerufen werde.

Dorsey, der neben seiner Programmierer-Ausbildung früher gelegentlich als Model arbeitete und ein paar Semester Modedesign studierte, liess sich mit dem Entscheid, Trump zu verbannen, reichlich Zeit. Der Mann, der den US-Präsidenten vergangene Woche dann schliesslich doch noch stumm schaltete, gilt als entscheidungsschwach. «Jack denkt über Dinge in einer anderen Geschwindigkeit als der Rest von uns», sagte ein alter Bekannter vom Internet-Portal «Yahoo».

Meditieren in Myanmar und die Sache mit dem Polizeifunk

Hinzu kommt, dass Dorsey Entscheidungen gerne delegiert – auch, weil er nur selten am Twitter-Hauptsitz in San Francisco ist. Ende 2018 verabschiedete er sich wochenlang aus der Öffentlichkeit, um in Myanmar zu meditieren.

Dorsey gilt ganz generell als introvertiert. In seiner Kindheit, die er in St.Louis (Missouri) und Boulder (Colorado) verbrachte, litt er unter einer Sprachbehinderung, die er erst als Teenager in den Griff bekam. Seinen ersten Computer, einen IBM PC Junior, erhielt er 1984. Bald versuchte er sich als Hacker und entwickelte eine Obsession für den Funkverkehr der Polizei.

Nach einem Abstecher nach New York traf Dorsey im Jahr 1999 in San Francisco ein, dem Zentrum der amerikanischen Technologie-Industrie. Im Juli 2000 rief er einen ersten Vorgänger von Twitter ins Leben, ein Programm mit dem Namen «Stat.us». Doch niemand interessierte sich für die Software, auch weil zu diesem Zeitpunkt nur wenige Amerikaner ein funktionierendes Smartphone besassen. (Apple lancierte das erste iPhone-Modell erst im Juni 2007.) Dorsey aber gab nicht auf. Und 2005, als er für eine Internet-Firma arbeitete, schlug er seinem Chef die Lancierung einer moderneren Version von «Stat.us» vor. Am 21. März 2006 veröffentlichte @jack, wie sich Dorsey auf Twitter nennt, seinen ersten Tweet: «just setting up my twttr», ich richte nur mein Twitter-Konto ein. Der Rest ist Geschichte – genau wie Donald Trumps Account.

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