Zweite Coronawelle

Der grosse Ländervergleich: So stemmt sich Europa gegen die zweite Welle

Ein Corona-Testcenter in der von der zweiten Welle besonders stark getroffenen südrfanzösischen Stadt Marseille.

Ein Corona-Testcenter in der von der zweiten Welle besonders stark getroffenen südrfanzösischen Stadt Marseille.

Das Coronavirus breitet sich rasant in auf dem Kontinent aus, in einigen Staaten werden die hohen Infektionszahlen aus dem Frühjahr bereits um ein Vielfaches übertroffen. Die Länder kämpfen mit unterschiedlichen Mitteln gegen die Wiederkehr der Pandemie. Unsere Korrespondenten zeigen wie - und bewerten die Massnahmen der Regierungen.

Spanien: Die Millionenmarke ist geknackt

Die Lage: Spanien meldet einen traurigen Rekord: Das Königreich hat seit Beginn der Epidemie im März bereits mehr als eine Million durch Tests bestätigte Coronafälle registriert. Täglich wurden zuletzt mehr als 16000 neue Infektionen erfasst. Besonders schlimm betroffen ist die Hauptstadt Madrid und der Norden des Landes.

Die Massnahmen: Spanien versucht, die Ausbreitung der Ansteckungen mit immer mehr Beschränkungen zu bekämpfen: Bereits seit Längerem gilt eine totale Maskenpflicht in der Öffentlichkeit. Die abendlichen Öffnungszeiten der Gastronomie werden immer weiter verkürzt. Etliche Grossstädte (zum Beispiel Madrid, Saragossa oder Burgos) oder ganze Regionen (Navarra und Rioja) sind inzwischen zum Sperrgebiet erklärt worden.

Die Note: 1. Viele Epidemiologen im Land werfen den zuständigen regionalen Gesundheitsbehörden vor, viel zu spät zu reagieren. Als Negativbeispiel gilt die Hauptstadtregion Madrid, wo trotz Rekordansteckungen wochenlang nichts geschah.
(Ralph Schulze aus Madrid)

Italien: Es hapert an Tests und Spitalplätzen

Die Lage: Nach dem längsten und härtesten Lockdown Europas lagen die Fallzahlen in Italien monatelang sehr tief - nur Deutschland hatte pro Kopf weniger Fälle. Doch seit zwei Wochen verdoppeln sich die Fälle wieder von Woche zu Woche. Mittlerweile zählt Italien 15'000 Neuinfizierte und 127 Tote täglich.

Die Massnahmen: Seit Anfang Oktober gilt die allgemeine Maskenpflicht auch wieder im Freien. Mitte Oktober führte Italien eine Sperrstunde für Gastrobetriebe ein. Bars, Restaurants und Trattorien bleiben zwar auf, aber sie müssen um Mitternacht schliessen. Mittlerweile gelten auch regionale, nächtliche Ausgangssperren, etwa in der Lombardei sowie in Ausgehvierteln der grösseren Städte.

Die Note: 4. Nach dem Trauma vom Frühling macht Italien bei der Prävention vieles richtig: Bei der Maskenpflicht etwa ist man sehr viel rigoroser als in Ländern wie der Schweiz, wo die Fallzahlen besorgniserregender sind. Das Problem ist die Infrastruktur: Es hapert bei den Test- und den Spital-Kapazitäten.
Dominik Straub aus Rom

Deutschland: Das Angst-Szenario könnte eintreffen

Die Lage: Angela Merkel warnte früh. Ende September hatte die Kanzlerin ein Szenario präsentiert, demzufolge bis Weihnachten die Zahl der täglichen Neuinfektionen auf über 19000 steigen könnte. Merkel wurde Angstmacherei vorgeworfen. Inzwischen stecken sich jedoch täglich rund 11'000 Menschen mit dem Virus an, Tendenz: steigend.

Die Massnahmen: Es gilt eine erweiterte Maskenpflicht, in Städten wie Hamburg oder München an belebten Plätzen auch im Freien. Zudem wurde ein Beherbergungsverbot für Inländer aus einem Risikogebiet (50 Neuansteckungen im Wochenschnitt) verhängt. In regionalen Hotspots gilt eine abendliche Sperrstunde.

Die Note: 4. Deutschland erlebt seit Monaten eine Art politischen Kleinkrieg um die Schärfe der Coronamassnahmen. Das Beherbergungsverbot ist verwirrend: Kaum noch jemand versteht, wer von wo wohin reisen und dort übernachten darf. Noch sind die Zahlen relativ überschaubar - doch sie steigen stark an. Die Deutschen befinden sich an einem kritischen Punkt.
Fabian Hock

Frankreich: Die Hälfte der Intensivbetten ist belegt

Die Lage: In Frankreich wurden zuletzt über 40'000 Menschen angesteckt. Dies entspricht in etwa der Ansteckungsrate in der Schweiz. Der Trend ist steigend. Hoffnungen, der Höhepunkt der zweiten Welle sei langsam erreicht, scheinen übertrieben. Die Zahl der coronabedingten Spitaleintritte steigt ebenfalls. Bereits ist nahezu die Hälfte aller Intensivstationen belegt.

Die Massnahmen: Im Freien gilt landesweit Maskenpflicht. Sie wird im Normalfall befolgt. Anti-Masken-Demos gibt es kaum. In etwa der Hälfte des Landes, darunter vor allem in den Städten, gilt eine nächtliche Sperrstunde von 21 bis 6 Uhr. Wer mit einer angesteckten Person in Kontakt kommt, muss in Quarantäne.

Die Note: 3. Frankreich testet nun breitflächig: Mehr als eine Million Abstriche werden jede Woche erstellt. Die Labors kommen aber mit der Auswertung nicht mit. Das führt zu einem tagelangen Warten auf die Resultate, was die Schutzwirkung der Tests mindert. Immerhin ist es nur ein halber Flop, weniger schlimm als die Masken-Knappheit während der ersten Welle.
Stefan Brändle aus Paris

Belgien: Die Aussenministerin auf der Intensivstation

Die Lage: Das 11-Millionen-Land Belgien hat eine der höchsten Infektionsraten in Europa. 9600 Personen wurden in der letzten Woche im Schnitt positiv getestet. Mit täglich über 300 Einlieferungen haben die Spitäler die Kapazitätsgrenze erreicht. 3000 Coronapatienten befinden sich in Spitalpflege, mehr als 500 auf der Intensivstation, darunter die Aussenministerin Sophie Wilmes. Durchschnittlich 33 Personen sterben aktuell pro Tag am Virus.

Die Massnahmen: Es herrscht ein Teil-Lockdown. Cafés und Restaurants sind geschlossen, es gilt Maskenpflicht. Kommende Woche droht eine allgemeine Ausgangssperre und die Schliessung nicht essenzieller Geschäfte und Freizeitaktivitäten.

Die Note: 3-4. Trotz des frühen Lockdowns erlebte Belgien eine heftige erste Welle mit über 10000 Toten. Jetzt droht erneut ein Chaos. Experten nennen verschiedene Gründe: Nachlassende Disziplin, schlechte Sensibilisierung bildungsferner Schichten, aber auch Politikversagen im komplizierten Föderalsystem.
Remo Hess aus Brüssel

Tschechien: Vom Virus kalt erwischt

Die Lage: Alles war so gut gelaufen im Frühjahr, Tschechien stand as Musterschüler da. Noch im August hatte Premier Andrej Babis geprahlt: Tschechien sei «best in Covid». Und jetzt: Auf die Bevölkerung umgerechnet ist Tschechien EU-Spitze. Der Höchstwert an Neuinfektionen der vergangenen Tage liegt in dem kleinen Land bei über 11'000. Das Gesundheitssystem gerät an seine Grenzen. In Bayern wurde um Spitalkapazitäten angefragt, genau wie in Österreich. In Prag wurde von der Armee ein Feldlazarett mit 500 Betten errichtet.

Die Massnahmen: Inzwischen wurden Schulen und Gastronomiebetriebe geschlossen. Veranstaltungen sind ausgesetzt und alle Treffen von mehr als sechs Personen untersagt. Die Rede ist auch von einem baldigen Total-Lockdown inklusive Ausgangsbeschränkungen.

Die Note: 2. Ausschreitungen rund um eine Demo gegen die Coronamassnahmen am vergangenen Wochenende haben verdeutlicht: Die Coronakrise ist in Tschechien vor allem auch eine Vertrauenskrise.
Stefan Schocher aus Wien

Schweden: Die Altersheime werden besser geschützt

Die Lage: Die Kurve der Neuansteckungen steigt, aber weniger steil als in anderen Ländern. Die Positivrate bei den Tests liegt mit 5 Prozent deutlich tiefer als etwa in der Schweiz.

Die Massnahmen: Schweden verzichtet weiterhin auf Schliessungen und setzt stattdessen auf Appelle an die Eigenverantwortung: Hygiene, Abstand, Home-Office. Es besteht keine Mundschutz-Pflicht. In lokalen Hotspots gibt es neu die Empfehlung, das Sozialleben zu reduzieren und den ÖV zu meiden. Die Versammlungsobergrenze liegt bei 50 Personen.

Die Note: 5-6. Den Empfehlungen wurden von Anfang an insgesamt gefolgt, das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben deutlich gebremst. Doch das Virus breitete sich stark aus, forderte während der ersten Welle fast 6000 Tote, vor allem in Altersheimen. Diese werden jetzt besser geschützt. Das lockere, seit Beginn gleichbleibende Regime gibt den Schweden viele Freiheiten. Bisher ist kein sprunghafter Anstieg der Fälle zu beobachten. Ausserdem gibt es in der zweiten Welle nur wenige Todesfälle.
Niels Anner aus Kopenhagen

Grossbritannien: Johnson hält die Schulen offen

Die Lage: Die Labors des Landes meldeten zuletzt im Wochendurchschnitttäglich fast 20'000 Positivfälle. Durchschnittlich sterben 112 Menschen an den Folgen einer Covid-Infektion. Insgesamt liegt die Zahl der Coronatoten mittlerweile bei fast 45'000, was 649 Sterbefällen pro Million Einwohner entspricht (Schweiz 235).

Die Massnahmen: Als Lehre aus dem ersten Lockdown will Premier Boris Johnson Schulen und Universitäten unbedingt geöffnet halten. Er setzt in England auf eine Regionalisierung mit einer Art Risiko-Ampel. Im gesamten Land (Stufe 1) gilt Maskenpflicht in Geschäften, Bussen und Zügen. Stufe 2-Gebiete wie die Ballungszentren um London und Birmingham sowie die Zentren mit der höchsten Infektionsrate (Stufe 3) wie Liverpool sind von härteren Einschränkungen betroffen: keine Besuche in Privathaushalten, Pubs, Restaurants und Geschäfte bleiben zu. Diese Massnahmen gelten auch in Nordirland, Wales und in der Zentralregion Schottlands.

Die Note: 3.
Sebastian Borger aus London

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